https://www.faz.net/-gqz-812j7

Gestrichene Presseerzeugnisse : Schweizer Mauer

  • -Aktualisiert am

In den Regalen des Schweizer Supermarkts „Coop“ wird es künftig keinen „Spiegel“ mehr geben. Bild: Reuters

Der „Coop“-Supermarkt verschlankt sein Angebot an deutschen Zeitschriften und Illustrierten. Die ausländischen Presseerzeugnisse seien den Eidgenossen zu teuer.

          Kann die Schweiz ohne den „Spiegel“ leben? Auch ohne die F.A.Z., „Le Monde“ und die „Repubblica“? Den „Spiegel“ hat der Großverteiler Coop zusammen mit ein paar Illustrierten gerade aus dem Sortiment geworfen: zu teuer. Sie kosten zwar nicht mehr als vor ein paar Jahren. Aber die Abnabelung des Franken vom Euro hat die Verhältnisse verzerrt. In Basel wird für das Mickymaus-Magazin neunzig Prozent mehr verlangt als in Lörrach. Bei Zeitungen aus Italien und Frankreich sind die Differenzen noch höher. Für die Schweiz ist der „Skandal“ nicht neu. Vor der Anbindung des Franken an den Euro wurde den Großverteilern vorgeworfen, sie gäben ihre Währungsgewinne nicht an die Konsumenten weiter.

          Jetzt sitzt der Schock so tief, dass die Verkaufspreise für importierte Güter umgehend angepasst wurden. Nutella und Autos sind billiger geworden. Und mit dem Angriff auf die Presseerzeugnisse leistet sich Coop eine eher billige PR-Aktion in eigener Sache. In den sozialen Netzwerken gibt es viel Beifall. Und die Aufforderung an alle Betreiber von Kiosk-Ketten, es genauso zu halten. Dass die ausländischen Verlage es mit einer Preisreduktion nicht besonders eilig haben, hat indes kaum mit höheren Erlösen zu tun. Für sie ist die Schweiz als Markt nicht besonders wichtig und der Auslandsvertrieb ein Defizitgeschäft. Die Verleger mögen darauf spekulieren, dass die Schweizer angesichts der abschreckenden Preise merken, dass sie die Zeitungen einzeln und im Abonnement online zu Euro-Preisen beziehen können.

          Das würde ihnen schnell bewusst machen, wie teuer ihre eigenen Zeitungen geworden sind. Die „NZZ“ hat gerade eine Internetausgabe für Österreich lanciert - denkbar ist die umgekehrte Stoßrichtung genauso: dass führende europäische Tageszeitungen eine „Lokalausgabe Schweiz“ publizieren. Denn ganz so weit her ist es mit dem Lokalpatriotismus der Eidgenossen offensichtlich nicht. An Samstagen sind die Migros- und Coop-Verkaufsstellen in Genf und Basel ziemlich leer. Die Züricher fahren nach Konstanz. Dafür haben die Grenzschützer Hochkonjunktur. Sie fahnden nach Fleisch und Butter. Gedruckte Bücher liefert Amazon zoll- und portofrei und zu Europreisen direkt nach Hause.

          Buchhandlungen schließen reihenweise. Die Übersetzer verlieren Aufträge an die Kollegen in Euroland. Die Honorare der Schriftsteller schrumpfen - der Trend nach Berlin wird sich verstärken. In den Museen geht die Zahl der Besucher zurück. Die vielsprachige Schweiz war eine Drehscheibe europäischer Kulturvermittlung. Ihr droht der Stillstand. Rund um das Land wird eine Mauer des Geldes hochgezogen. Im Ausland sind die Eidgenossen mit dem starken Franken reich, zu Hause verarmen sie. Am Wochenende stellte der Historiker Jakob Tanner resigniert fest: „Nicht jeder Schweizer kann Banker werden.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Durchsuchung in Frankfurt : Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt bei der Öko-Test Holding AG. Es geht um den Verdacht der Untreue. Die Aktivitäten der Zeitschrift „Öko-Test“ seien nicht von der Ermittlung betroffen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.