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Gespräche mit Wilhelm Genazino : Der klare Fleck

Ein Poet der Schüchternheit und des genauen Blicks: Wilhelm Genazino (1943 bis 2018) in seiner Frankfurter Wohnung Bild: Röth, Frank

Von Eribon zu Genazino, von Reims nach Mannheim: Der Büchnerpreisträger über Herkunftsscham, Sehnsuchtswirtschaft und die Mysterien des Offenkundigen.

          3 Min.

          Die Mysterien des Offenkundigen, das war sein großes Thema. Dabei war sein Gestus nicht einer des Enthüllens. Wilhelm Genazino (1943 bis 2018) war kein eisiger Durchblicker, eher ein mitfühlender Draufschauer. Das mag damit zu tun haben, dass ihm die starre Perspektive völlig fremd war. Als Beobachter seiner selbst und der ihn umgebenden Verhältnisse war der Schriftsteller unablässig in Bewegung. Er pflegte die Welt zu betrachten, als wäre sie eine große Ansammlung von Kippfiguren, als würde es genügen, den Blick nur um ein paar Millimeter zu verschieben, und schon zeigte sich dem Betrachter ein völlig anderes Bild. Beweglichkeit und Beharrungsvermögen gingen dabei Hand in Hand.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der letzten Jahrzehnte hat zwei große Spaziergänger hervorgebracht. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine ist Peter Handke, der andere Wilhelm Genazino. Der eine übt sich in Exerzitien der verklärenden Mikro-Wahrnehmung und beschwört das poetische Einverständnis mit den Dingen, der andere putzt kleine Stellen im großen Milchglas, durch das wir die Welt betrachten müssen, so lange, bis sie völlig blank und transparent werden. Genazinos literarisches Vermächtnis, das ist eine Sammlung solcher Stellen: funkelnde kleine Flecken der Hellsichtigkeit.

          Jetzt sind an zwei Orten umfangreichere Reflexionen Wilhelm Genazinos zu seinem Werk und seinem Werdegang erschienen. Der Hörfunk-Journalist Ulrich Rüdenauer hat einige der Gespräche, die er im Laufe der Jahre aus verschiedenen Anlässen mit Genazino geführt hat, in einem Bändchen versammelt, das im Verlag Ulrich Kaicher erschienen ist („Fast eine Komödie. Gespräche mit Wilhelm Genazino“). Und die Literaturkritikerin Anja Hirsch bündelt bislang unveröffentlichte Gespräche mit dem Büchnerpreisträger des Jahres 2004 für die neueste Ausgabe der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ („Der Weg ins Offene. Wilhelm Genazino: Wie ich Schriftsteller wurde“).

          Der Mensch lebt im Detail, sagt Genazino einmal und meint damit auch die Details der eigenen Vergangenheit. Er erzählt von der eigenen Kindheit in den Trümmerlandschaften der kriegszerstörten Arbeiterstadt Mannheim, von Armut, Mangel und seinen „naturtrüben“ Eltern, die in einen Ehekrieg verstrickt waren: einerseits die Mutter, ungelernt, vermutlich manisch-depressiv, andererseits der Vater, schwerblütig infolge anhaltender Erfolglosigkeit, ein verkrachter Erfinder, den die Scham über das eigene Versagen an den Rand des völligen Verstummens gebracht hatte. Inmitten dieser „fundamentalistischen Ahnungslosigkeit“ das Kind Wilhelm, melancholisch, eigensinnig, ein Schulversager und Fremdsprachenverweigerer, der erst in der Berufsschule lernt, wie man lernt.

          Scham, Verrat, Verheimlichung

          Literatur, so zitiert Anja Hirsch Genazino in ihrer Nachbemerkung, sei „der Versuch, mit einem Schmerz zu sprechen“. Kaum eine Schmerzquelle hat zuletzt in literarischer Hinsicht so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Herkunftsschmerz. Bücher wie jene von Annie Ernaux („Die Jahre“), Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“) und zuletzt Deniz Ohde („Streulicht“) haben dabei nicht nur dem Genre der Autofiktion große Popularität verschafft, sondern auch die lange vernachlässigten Fragen nach der Schicht- oder Klassenzugehörigkeit und der Bildungsschicksale neu gestellt.

          Der Frage der Scham, wie sie vor Eribon Ernaux behandelt hat, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Scham über die Umstände und das Milieu des eigenen Heranwachsens selbst wiederum zur Ursache eines Schamgefühls werden kann, einer Sekundärscham gewissermaßen, die sich aus dem Gefühl des Herkunftsverrats speist, das heftig mit einem in jüngster Zeit stark gestiegenen Bedürfnis nach Authentizität kollidiert. Bei Wilhelm Genazino, das zeigen seine Gespräche mit Rüdenauer und Anja Hirsch überraschend deutlich, spielten all diese Themen seit jeher eine große Rolle.

          Beschämung, Verrat und „Selbstverheimlichung“, um eine typische Begriffsprägung Genazinos zu gebrauchen, sind zentrale Themen seiner Bücher, von der „Abschaffel“-Trilogie der siebziger Jahre bis zu den späten Erfolgen wie „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“. Wie Beckett hat Genazino das Scheitern als Erkenntnisquelle begriffen und die „Sehnsuchtswirtschaft“ als sein Studiengebiet etabliert. Mit Genazino, das zeigen diese Gespräche mit dem Formulierungskünstler noch einmal auf grandiose Weise, können wir begreifen,was jenseits des Biographischen zur großen Faszination der Literatur gehört: „Es sind Texte, nicht Menschen, die so tief in uns eindringen, dass sie unser eigenes Geheimnis anzurühren vermögen“.

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