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Gespräch mit Sebastian Nerz : Überall lauern Fettnäpfchen

  • Aktualisiert am

Sebastian Nerz, Jahrgang 1983, in der Berliner F.A.Z.-Redaktion Bild: Pein, Andreas

Geht das: gegen das Urheberrecht sein, aber für Kultur? Gegen das Google-Monopol, aber für das Internet? Wir fragten nach beim Piraten-Chef Sebastian Nerz.

          6 Min.

          Herr Nerz, der Musiker und Schriftsteller Sven Regener hat vergangene Woche in einem fast schon legendären Wutausbruch die Piraten-Position zum Urheberrecht kritisiert, die auf eine Kostenlos-Kultur hinauslaufe - sind die Piraten Kulturzerstörer?

          Nein. Ich kenne Regeners Aussagen nicht, aber ich sehe es genau umgekehrt: Kunst hat einen hohen Wert. Allerdings soll der Künstler im Vordergrund stehen, nicht die Produktionsfirma. An dieser Stelle ist unser Urheberrecht falsch.

          Das klingt jetzt, als würden die Piraten hier missverstanden.

          Wir haben uns anfangs vielleicht falsch ausgedrückt. Das wurde zugespitzt auf Forderungen, die nicht stimmen.

          Welche meinen Sie?

          Dass wir das Urheberrecht abschaffen wollen. Das war eine Schlagzeile in der „Bild“. Aber das stimmt nicht.

          Sie sind also auf der Seite der Künstler, in diesem Fall auf der von Regener?

          Ich kenne Regener nicht, aber wir wollen ein Urheberrecht, das die Künstler in den Vordergrund stellt, nicht die Verwertungsgesellschaft. Ich glaube nicht, dass es diesen Gegensatz zwischen Künstler und Konsumenten gibt. Das sind keine widerstrebenden Interessen.

          Nun ja, die einen wollen Geld verdienen, die anderen konsumieren. Wie schützt man Künstler vor marktwirtschaftlichen Mechanismen, Unsicherheit und Selbstausbeutung?

          Wir können zum Beispiel dafür sorgen, dass die Verträge zwischen Firmen und Künstlern anders aussehen. Ich habe nichts gegen Sicherheit. In den Verträgen der neunziger Jahre war aber kein Digital-Vertrieb vorgesehen, weil es in der Form noch keinen gab. Der Künstler hat alle Rechte für unbekannte Zeit abgegeben. Mittlerweile ist der größte Anteil im Musikvertrieb digital. Davon profitieren nur die Plattenfirmen. Es stimmt nicht, dass wir alles kostenlos wollen. Aber die Finanzierungsfragen sind wichtig. Mein Lieblingsbeispiel ist Crowdfunding. Manche Künstler verdienen damit viel Geld.

          Sie meinen die Schwarmfinanzierung übers Netz. Kann man aber einen Roman schreiben, bei dem man am Anfang nicht weiß, was am Ende herauskommt? Kann man dabei auf Verlage und Vertriebe verzichten?

          Ich habe nichts gegen Verlage oder Plattenfirmen. Aber warum soll eine Firma, die an einem kreativen Prozess nur einen sehr kleinen Anteil hat, so viel mehr verdienen als der Künstler? Etwa die Gema: Sie kassiert auch von Künstlern, wenn die ihre eigenen Stücke aufführen. Der große Teil der Künstler bekommt dieses Geld nicht zurück. Viele neue Künstler lehnen deswegen ja auch die Gema ab. Ein Urheberrecht, das die Produktionsfirmen in den Vordergrund stellt, ist unzeitgemäß.

          Unbeachtet: Die Pressemeldungen der Piratenpartei zum Staatstrojaner habe keiner gelesen, meint Sebastian Nerz
          Unbeachtet: Die Pressemeldungen der Piratenpartei zum Staatstrojaner habe keiner gelesen, meint Sebastian Nerz : Bild: dapd

          Die Kritik, dass eher Distributionswege als Künstler profitieren, ist die eine Seite. Die andere ist, dass die Distribution heute monopolisiert wird. Es sind nicht mehr viele einzelne Verlage und Plattenfirmen, sondern es sind Google, Apple, Amazon. Ist nicht eine wichtige Zwischenwelt verlorengegangen?

          Nein. Wir haben ja auch trotz iTunes nicht nur den Vertrieb über eine Firma.

          iTunes ist kein Monopol?

          Nein.

          Der Vertreter der Piratenpartei im Berliner Kulturausschuss, Christopher Lauer, twitterte, wie teuer die drei Berliner Opernhäuser sind, wie hoch der Betrag pro Einwohner ist und wie wenig Bürger in die Oper gehen. Lässt sich daraus eine politische Folgerung ableiten?

          Jede Frage ist in der Politik zulässig. Wir brauchen eine Kulturförderung. Sie ist nur teilweise zu stark auf Hochkultur und mainstreamartige Kunst konzentriert. Wenn wir nur große Opernhäuser fördern, aber keine kleinen unabhängigen Theater, besteht ein Missverhältnis.

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