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Klimakrise : Gletscherdämmerung

Der Bisgletscher rutscht schon lange. Das Dorf Randa unterhalb des Weisshorns ist immer wieder von abstürzenden Eismassen bedroht. Bild: Frank Röth

Das Eis der Alpen ist verloren, aber die polaren Eismassen sind noch zu retten – und die Zeit drängt. Begegnung mit einem Glaziologen, dessen Forschungsobjekt verschwindet.

          6 Min.

          Als Martin Funk das letzte Mal auf dem Rhonegletscher stand, schützte ein großes Vlies die ins Eis geschlagene Touristen-Grotte. Von der Straße aus hatte er den im Wallis auf 2300 Metern über dem Meeresspiegel gelegenen Gletscher nicht sehen können, sondern nur einen See, der durch die Schmelze immer größer wird. Das Eis, das einst mächtig zwischen den Gärsten- und Furkahörnern ruhte und sich während der kleinen Eiszeit 1856 bedrohlich weit in die Ebene schob, hat sich dramatisch zurückgezogen, besonders während der vergangenen Jahrzehnte. Bis zum Gletscher musste Funk also ein paar hundert Meter laufen. Das war im Sommer 2018.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als Martin Funk das erste Mal auf dem Rhonegletscher stand, war er Doktorand an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, an der er kürzlich seine Abschiedsvorlesung hielt. Er erforschte, wie sich die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze auswirkt. Bereits von der Straße aus konnte er sein Forschungsobjekt sehen und bewundern, wie der Gletscher in eine Steilstufe hineinfloss und abbrach. „Imposant war das“, sagt Funk. Nichts als Weiß. Kein See, nirgendwo. Niemals hätte Funk sich damals vorstellen können, dass die Gletscher so schnell schmelzen würden, niemand konnte das. „Man ging eher von einem Stillstand aus.“ Die kleine, auf Stangen montierte Box, in der ein Fühler meteorologische Daten wie Strahlung, Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit maß, musste jede Woche geöffnet und Papierrolle sowie Tinte ausgewechselt werden. Das war im Sommer 1979.

          Was bleibt, sind Geröllmoränen

          Der Rhonegletscher von damals hat mit dem Rhonegletscher von heute erschreckend wenig zu tun. Ende des Jahrhunderts wird er wie sämtliche Alpengletscher so gut wie verschwunden sein. Hier und da werden ein paar unter Geröllschichten begrabene Eisbrocken überleben, verschüttete Erinnerungen an die verlorene Schönheit. Totes Eis. Was bleibt, sind Geröllmoränen, unwirtliche, artenarme Steinwüsten, aber auch Seen, die neues Leben anziehen. Funk, der als Glaziologe von Berufs wegen maximal rational auf das Gletschersterben blickt, der weiß, dass es sich, selbst wenn die Erderwärmung abrupt stoppte, nicht mehr aufhalten lässt, sagt:. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Er meint nicht die Schmelze, er meint die Alpen ohne Gletscher, die Alpen, die wir kennen.

          Massenverluste: Das Grönlandeis schmilzt schneller, als bislang angenommen wurde

          Es ist ein heißer Tag in Zürich, 30 Grad, und die Berge zacken sich in der Ferne in den wolkenlosen Himmel. In der Cafeteria der ETH steht die Luft, die nächste Hitzewelle kündigt sich an. Verheerend für die Gletscher, die im Moment noch eine die Strahlung reflektierende Schneeschicht schützt: wenige weitere heiße Wochen, und die Sonne knallt direkt aufs blanke Eis.

          Wohin man blickt: Verluste

          Martin Funk sieht den Gletschern seit vierzig Jahren beim Verschwinden zu. Ein ständiges Abschiednehmen. Vom Rhonegletscher und Triftgletscher, vom Brunegggletscher, Bisgletscher, Feegletscher, vom Aletschgletscher und Gornergletscher. „Es ist auch für mich überraschend, zu sehen, wie sensibel ein Gletscher auf eine Klimaänderung reagiert.“ Funk verfolgt den Klimawandel wie unter einem Brennglas. Im Grunde aber ergeht es uns, was das Verschwinden betrifft, allen so. Wohin man blickt: Verluste. Korallen sterben, Vogelarten verschwinden, Insekten rafft es massenweise dahin, viele Hai- und Rochenarten im Mittelmeer sind bedroht, und um Tausende von Baumarten steht es katastrophal. Hierzulande ist die Fichte dem Tod geweiht. Die Welt, sagen Naturschützer, erlebe derzeit das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier.

          Die Hitze setzt dem Eis zu: Der Silvrettagletscher im Kanton Graubünden

          Nicht, dass Funk jeden Tag deprimierende Gletscherfotos analysieren würde, regelmäßig sieht er sich nur die Bilder von Gefahrengletschern an, wie dem Bisgletscher im engen Mattertal, wo der berühmte Ort Zermatt liegt. Einige der Gipfel dort sind mehr als viertausend Meter hoch, das Weißhorn zum Beispiel. Ein Berg wie eine Pyramide, mit einer Spitze aus Schnee und Eis. Die Klimaerwärmung zehrt am Bisgletscher und dem Hängegletscher der Nordostflanke, der so steil ist, dass sich das Eis am Fels nur halten kann, wenn die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt liegen. Ansonsten rutscht der Gletscher ab. Er rutscht auch ab, sobald die Eismasse eine kritische Größe erreicht und ihre Festigkeit verliert. So oder so: Der Ort Randa ist davon betroffen.

          Beten für den Gletscher

          „In der Schule“, sagt Funk, „habe ich zum ersten Mal gehört, dass man Eislawinen vorhersagen kann. Das hat mich fasziniert, auf diese Weise Menschenleben retten zu können.“ Erst Anfang Juli mussten achtzig Menschen aus Randa ihre Häuser verlassen. Keine vierundzwanzig Stunden später stürzten Felsblöcke talwärts. Mitte dieser Woche, als die Temperaturen auch in der Schweiz saharaartig waren, traf die Zermatter aus dem Nichts ein Hochwasser. Es gibt ein Video mit dem Triftbach als tosendem, grauen Strom voller Sand und Gestein, der Zäune und Schuppen mit sich reißt. Vermutlich war eine Gletschertasche ausgebrochen, ein unterirdischer See, der Tausende Kubikmeter Wasser enthalten kann.

          Schön, aber gefährlich: Ein gigantischer Schmelzwasserstrom

          Schwer vorstellbar, dass einst Menschen für eine Gletscherschmelze beteten, wie die Bewohner der Ortschaft Fies im Wallis 1678. Sie wollten den zerstörerischen Launen des Aletschgletschers, der sie mit Gerölllawinen und Überschwemmungen strafte, Einhalt gebieten und gaben ein von Papst Innozenz XI. genehmigtes Gelübde ab. Gottgefälliger versprachen sie von da an zu leben. Jedes Jahr pilgerten sie zur Kapelle im Ernerwald. Das Gelübde gibt es auch heute noch, besser gesagt: wieder, nur dass die Menschen jetzt beten, der Gletscher möge wachsen.

          Wie ein Arzt für seine Patenten

          Martin Funks Forschungsgegenstand schmilzt nicht nur immer schneller, es wird auch immer schwieriger, ihn zu begehen, weil die Eismassen fragiler werden, die Risse tückischer, die Spalten tiefer. Je nach Größe, Eisdicke, Neigungswinkel und Bodenbeschaffenheit sind manche Gletscher davon stärker und andere schwächer betroffen. Funk sagt: „Über Jahre sichere Routen sind vielerorts unsicher geworden, weil man jetzt plötzlich mit Steilstufen rechnen muss, die einem den Weg versperren.“ Man fragt Martin Funk nach Ergriffenheit, nach Gefühlen, die das Gletschereis, das erstaunlich viele Farben hat, das türkis ist, hellblau, blau und manchmal sogar zartgrün, in ihm auslöst. „O, wie soll ich das sagen?“, antwortet er und macht eine lange Pause.

          Gefahrenzone: Die Gemeinde Randa im schweizer Kanton Wallis ist vom Klimawandel besonders betroffen

          Funk ist ein eher wortkarger Zeitgenosse, aber vielleicht muss man das als Glaziologe auch sein, um die Einsamkeit im Eis als Glück zu empfinden. Zur Sentimentalität neigt er nicht. Traurigkeit über das Gletschersterben hat in seiner Wissenschaftswelt nichts verloren. Er vergleicht sich mit einem Arzt und die Gletscher mit Patienten. Ohne emotionale Distanz wäre jeder verschwundene Quadratkilometer Eis eine kleine Tragödie. Kein Forscherleben hielte so viele Tragödien aus.

          Angesichts der Erhabenheit eines Gletschers könnte man seine eigentliche Aufgabe, nämlich die, für einen funktionierenden Wasserkreislauf zu sorgen, beinahe vergessen. Gletscher sind die größten Süßwasserspeicher der Erde. Im Winter sammeln sie Wasser in Form von Schnee, das sie während der Sommerschmelze freigeben – so füllen sie die Trinkwasserreservoire der Alpen und deren Flüsse. Zumindest an Wasser wird es in naher Zukunft also nicht mangeln, im Gegenteil, es wird mehr davon geben.

          Ein Kampf, an dem die Zukunft hängt

          Um das Jahr 2100, wenn die Schweizer Gletscher fort und die Sommermonate regenarm sein werden, werden Bäche und Flüsse wie der Rhein weniger Wasser führen. Das Wallis wird dann noch trockener sein, als es ohnehin ist. „Aber das Niederschlagswasser bleibt“, sagt Funk. Es wird die Stauseen füllen, er vertraut auf die Vorhersagen der Klimatologen, wonach die Niederschlagsmenge bis zum Jahrhundertende nicht merklich abnehmen, sondern sich nur anders verteilen wird.

          In den vergangenen Jahren reiste Martin Funk regelmäßig nach Grönland. Während die Alpengletscher verloren sind, können die Eisschilde Grönlands und der Antarktis noch gerettet werden. „Aber es bleibt uns nicht mehr viel Zeit, zehn, allerhöchstens zwanzig Jahre noch“, sagt Funk. Greta Thunberg, die kompromisslose Mahnerin, komme zur rechten Zeit. Wer, sagt Funk, wenn nicht eine aufgebrachte Jugend, könne besser mit einer solcher Vehemenz für den Klimaschutz kämpfen? Ein Kampf, an dem die Zukunft hängt.

          Verzweifelter Rettungsversuch: Das Ende des Rhonegletschers schützt ein dünnes Vlies vor der Sonne.

          Grönlands Eisverlust der vergangenen knapp fünfzig Jahre übersteigt jede Vorstellungskraft, von Hunderten Gigatonnen ist die Rede. Zwischen 1980 und 1990 verlor Grönland jährlich etwa 51 Gigatonnen Eis, was, verglichen mit den Jahren 2010 bis 2018, geradezu lächerlich wenig klingt: In diesem Zeitraum nämlich waren es 286 Gigatonnen pro Jahr, was knapp der sechsfachen Wassermenge des Bodensees entspricht. Geowissenschaftlern der Ohio State Universität haben errechnet, dass das Eis der Insel viermal so schnell schmilzt wie noch 2003.

          Vielleicht geht es eher schneller als langsamer

          Funk erzählt von einem Gletscher, der sich seit Mitte der achtziger Jahre zehn Kilometer weit zurückgezogen hat, eine gewaltige Strecke in erschreckend kurzer Zeit. „Beängstigend“, sagt Funk. „Grönland verliert Eis durch Oberflächenschmelze wie bei uns in den Alpen und durch Kalben, also das Abbrechen von Eisbergen und Eisschmelze im Meereswasser. Zur totalen Eisverlustrate tragen beide zu je 50 Prozent bei.“

          Mit welcher Geschwindigkeit sich die Polareismassen zurückziehen, ist trotz ausgefeilter Technik, trotz Satellitenbeobachtung und Computermodellen unklar. Der Prozess des Abschmelzens und Abbrechens des Eises im Meer ist noch nicht zuverlässig genug prognostizierbar. Funk befürchtet, dass es eher schneller gehen wird als langsamer, dass die Pessimisten und nicht die Optimisten am Ende recht behalten werden.

          Zehn, höchstens zwanzig Jahre bleiben uns noch, um die polaren Eismassen zu retten: Der Glaziologe Martin Funk bei der Arbeit

          Je mehr Eismassen in die Ozeane transportiert werden, desto höher steigt der Meeresspiegel. Verschwände der grönländische Eispanzer komplett, der Meeresspiegel stiege um sieben Meter. Sieben Meter, das bedeutet, New York würde verschwinden und asiatische Megametropolen wie Tokio und Schanghai unter Wasser begraben. London fiele den Fluten zum Opfer, Buenos Aires ebenso, und große Teile Afrikas wären unbewohnbar. „I want you to panic“ forderte Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos die versammelten Entscheider auf. Manche sagen ja, die bedrohteste Art sei der Mensch.

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