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Gespräch mit der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot : Wer über die Vergangenheit schweigt, riskiert sein Leben

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„In Berlin kann man freier atmen”: die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot Bild: Thiel

Die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot lebt halb in Paris und halb in Berlin. Im Gespräch äußert sie sich über die französische Erinnerungskultur unter Sarkozy, die Debatte über Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ und den Umgang mit deutscher und französischer Schuld.

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          Sie haben Paris den Rücken gekehrt und sind nach Berlin gezogen. Warum?

          Ich fühle mich in Berlin besser als in Paris. In Berlin lässt es sich freier atmen. In Paris ist der Kulturbetrieb sehr eng, geschlossen, auch narzisstisch. Da denke ich, wenn ich in Frankreich schon außen vor stehe, dann kann ich mich auch noch weiter aus der Stadt zurückziehen.

          Wie würden Sie denn die derzeitige Atmosphäre in Frankreich beschreiben?

          Es gibt einen riesigen Reformstau. Ich weiß nicht, wie lange es noch gutgeht, dass ständig Reformen in Aussicht gestellt werden und nichts passiert. Die Kluft zwischen den Gutausgebildeten und jenen, die keine Perspektive haben wie etwa die jungen Menschen in der Banlieue, wird immer größer. Es sind schon bald Zustände wie vor der Französischen Revolution oder im Mittelalter. Doch es ändert sich nichts. Auch unter Sarkozy nicht. Das finde ich gefährlich. Mein Gefühl ist, dass sich etwas zusammenbraut, und ich fürchte, dass die Rechtsradikalen weiter an Zulauf gewinnen werden. Hinzu kommt, dass Frankreich sich noch immer gerne als Grande Nation begreifen möchte, es aber schon längst nicht mehr ist, sondern ganz einfach ein mittelgroßes Land. Wahrnehmung und Wirklichkeit stimmen bei uns nicht überein.

          Die Ergebnisse bei den letzten Kommunalwahlen deuteten aber in eine andere Richtung, denn Sarkozys UNP hat vor allem an die Sozialisten Stimmen verloren und nicht an den Front National.

          Die Rechtsradikalen haben bei den Kommunalwahlen in Frankreich nie eine entscheidende Rolle gespielt. Hoffen wir, dass sie momentan tatsächlich weniger gefährlich sind. Was mich allerdings erstaunt, sind die jähen Richtungswechsel. Zuerst das Votum für Sarkozy, dann für die Sozialisten. Ob die letzten Kommunalwahlen wirklich das Indiz für einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung waren, das muss sich aber erst noch zeigen.

          Wenn man die französischen Reaktionen auf Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ betrachtet, könnte man allerdings meinen, dass sich etwas geändert hat: In Frankreich ist ein Buch über einen deutschen SS-Offizier sehr positiv aufgenommen worden.

          Ich habe die Debatten in Frankreich und Deutschland verfolgt. Und muss sagen, dass ich - aus literarischen Gründen - auf Seiten der Kritiker stehe. Mir ist das Buch zu eindimensional. „Die Wohlgesinnten“ wirkt auf mich wie ein historischer Roman, wie eine Rekonstruktion der Vergangenheit - obwohl ich weiß, dass das Buch vom heutigen Standpunkt aus geschrieben ist. Ich denke durchaus nicht, dass man keine Fiktion über den Holocaust schreiben dürfe. Aber literarisch gesehen, finde ich es einfach nicht interessant, wenn ein Autor einer nachgeborenen Generation sich in die Perspektive derjenigen hineinversetzt, die die Jahre von 1933 bis 1945 erlebt haben, und er dies ohne jede Brechung tut, mit einem realistischen Erzählstil des neunzehnten Jahrhunderts.

          Und doch hat Littell einen Nerv getroffen, denn die intensiven Debatten über sein Buch sind ja ein Indiz für Verschiebungen in unserer Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg.

          Ja, das Buch ist zweifellos ein Indikator. Denn es ist sehr kalt geschrieben, sehr genau - und dies kann man nur mit großem Abstand tun. Der Roman wäre früher so nicht möglich gewesen. Und das sagt etwas über unsere Zeit aus, über die Distanz, die wir mittlerweile gegenüber jenen Jahren haben und empfinden.

          Hat es denn im Zuge der französischen Debatte auch Verschiebungen im französischen Erinnerungstext gegeben - weg von der Konzentration auf die Résistance hin zu einem differenzierteren Bild, das eine Mitschuld an der Deportation der Juden in Frankreich mit einschließt?

          Es hat sich einiges geändert, seit Chirac 1995 die Mitverantwortung Frankreichs eingeräumt hat. Aber der französischen Erinnerungskultur fehlt noch immer das richtige Maß. Sarkozys Vorschlag, dass jedes Kind eine Patenschaft für ein ermordetes jüdisches Kind übernehmen soll, finde ich furchtbar, weil er das Gegenteil bewirken wird: dass sich keiner mehr damit beschäftigen möchte. Bei diesem Teil der Geschichte gibt es in Frankreich immer ein Zuviel oder Zuwenig, aber keinen richtigen Abstand.

          Ihr unlängst erschienener Roman „Aus der Nacht“ handelt vom Schweigen und vom Verdrängen der Erinnerung.

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