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Gespräch mit der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot : Wer über die Vergangenheit schweigt, riskiert sein Leben

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Er handelt vom Schweigen zwischen den Generationen und von der Kluft, die sich zwischen ihnen auftun kann. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Das Problem ist, wie man mit ihr umgeht - ob man sich ihr stellt und sie zu bewältigen versucht oder nicht. Bleibt die Konfrontation aus, kann das im wahrsten Sinne tödlich sein, sowohl für den Einzelnen als auch für ein Land. Wobei es mir um mehr geht als nur um die Geschichte von Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern: nämlich um die Schwierigkeiten der nachgeborenen Generation und die Frage, wie man mit einer Geschichte umgeht, die man selbst nicht erlebt, aber als Erbe mit auf den Weg bekommen hat. Diese Frage betrifft nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Deutsche genauso wie jene, deren Eltern aus Afrika oder dem Maghreb nach Frankreich eingewandert sind.

Halten Sie das Erbe, das die Nachgeborenen der Opfer wie der Täter als Last mit sich tragen, für vergleichbar?

In gewisser Weise ja. Ich würde nie innerhalb jener Generation Vergleiche anstellen, deren Angehörige Krieg und Deportationen erlebt haben, also nie vergleichen zwischen Opfern, Tätern und Mitläufern. Aber wir Nachgeborenen müssen alle mit der Last der Vergangenheit leben.

Die Diagnose in Ihrem jüngsten Buch ist bedrückend: Ihre Hauptfigur schafft es nicht, sich von den Erinnerungen ihrer Familie frei zu machen.

Ja, aber dieses Scheitern hängt damit zusammen, dass die Hauptfigur ein Kind von Überlebenden ist. Ich selbst habe es so empfunden, als ich noch nicht wusste, dass es psychologische Studien über Überlebende gibt. Denn ich bin ein Kind von überlebenden Eltern, und als solches verspürt man eine besondere Verantwortung für seine Eltern, als hätte man etwas wiedergutzumachen. Diese Konstellation ist im Buch in extremis beschrieben: Die beiden Vertreter der Elterngeneration haben in meinem Roman Alzheimer, also kein Gedächtnis und keine Sprache mehr, so dass die Ich-Erzählerin die ganze Last allein tragen muss. Das ist der Grund ihres Scheiterns. Man kann nicht sein Leben und das der Eltern noch dazu leben.

In „Mann und Frau den Mond betrachtend“, Ihrem Buch über die deutsche Nachkriegsgeschichte und das Berlin der neunziger Jahre, plädieren Sie dafür, um der Gegenwart und Zukunft willen die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Wie kam es dazu?

Mich hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit tief berührt, die man in Berlin auf Schritt und Tritt spürt. Denn es gibt keinen Raum für die Gegenwart und Zukunft, wenn man sich nicht zuvor mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Das erklärt für mich auch die schwierige innere Verfassung, in der sich Frankreich derzeit befindet. Frankreich ist ein Land des Euphemismus. Frankreich hat die Konversation erfunden, die nach außen so schön und gepflegt wirkt. Was sich dahinter verbirgt, ist mitnichten schön, doch darüber wird nicht gesprochen. Frankreich hat sich kaum mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt. In Berlin dagegen, ja in Deutschland generell, scheint mir die Konfrontation mit der Vergangenheit wirklich stattgefunden zu haben. Und sie findet bis heute statt. Deshalb gibt es hier Raum für Gegenwart und Zukunft. Und das kann ich hier spüren.

Befürchten Sie nicht, dass es mit der Hinwendung der letzten Jahre zu deutschem Leid - der Bombardierung von Dresden, dem Untergang der Gustloff, Flucht und Vertreibung - zu einer allmählichen Umwertung der Geschichte kommen könnte?

Es hängt davon ab, in welcher Weise die Auseinandersetzung stattfindet. Solange sich die Deutschen weiterhin der Tatsache bewusst sind, woher die Erfahrungen ihres Leides rühren, und sie dies nicht vergessen, ist es möglich, über Dresden oder die Gustloff zu sprechen. Denn es nicht zu tun wäre auch unnatürlich. Die einzige Lösung ist wahrscheinlich, dass die Zeit noch weiter verstreicht und wir oder die nächsten Generationen die Jahre von 1933 bis 1945 anders betrachten, als einen Teil der ganzen Geschichte. Ich glaube, das lässt sich nicht vermeiden, wie sich auch nicht vermeiden lässt, dass in Deutschland die Rede von Dresden und der Gustloff ist. Die Frage ist allein, wie, in welcher Weise dies geschieht.

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