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Annie Ernaux über „Das Ereignis“ : Natürlich, es ist der Körper!

  • -Aktualisiert am

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux Bild: Getty

Die Autorin Annie Ernaux schrieb vor Jahren einen autobiographischen Text über eine illegale Abtreibung, der jetzt auf Deutsch erscheint. Ein Gespräch über „Das Ereignis“, dessen Verfilmung in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat.

          7 Min.

          Wer zwei Stunden mit Annie Ernaux auf ihrem Balkon in ihrem Haus in Cergy Pontoise, einem Vorort von Paris, verbringt, mit ihr Kaffee trinkt, Macarons isst und über alles mögliche redet, fragt sich im Zug zurück in die Hauptstadt, in der sie sich übrigens bis heute nicht wohl fühlt, vor allem eins: Warum hat eigentlich nie irgendwer erwähnt, dass diese Annie Ernaux lustig ist? In der allgemeinen Wahrnehmung gilt die Einundachtzigjährige, vielleicht weil sie seit Jahrzehnten in extrem klarer und distanzierter Form autobiografische Bücher über Armut, die Zerrissenheit, die ein sozialer Aufstieg auslöst und das Leben von Frauen schreibt, als sehr ernste, vielleicht sogar dröge Person, die gern die Moralkeule schwingt und keinen Humor hat. Nichts davon stimmt. Annie Ernaux lacht, viel sogar, laut noch dazu. Zum Beispiel, wenn sie erzählt, wie sie in einer Fernsehsendung in den achtziger Jahren einmal „Warum soll die ganze Scheiße eigentlich an den Frauen hängen bleiben?“ sagte, es ging um Kindererziehung – und die französischen Damen, die damals noch so tun wollten, als könnten sie alles schaffen (Kinder, Job, aufregendes Liebesleben) sehr pikiert guckten. Darüber freut Annie Ernaux sich bis heute, die empörten Gesichter macht sie gerne nach. Damals ging es um ihren zweiten, bisher nicht auf Deutsch übersetzten Roman „La femme gelée“. Mit ihrem vierten gewann sie 1984 den prestigeträchtigen „Prix Renaudot“, seitdem gilt sie als eine der wichtigsten französischen Schriftstellerinnen ihrer Generation, eine Archivarin des Lebens einer Gesellschaftsschicht, die in der französischen Literatur vor ihr so nicht vorkam. Beim Gespräch auf dem Balkon in Cergy Pontoise soll es jetzt aber um ihren autobiografischen Text „Das Ereignis“ gehen, die Geschichte ihrer illegalen Abtreibung Anfang der sechziger Jahre.

          Madame Ernaux, „Das Ereignis“ erscheint erst jetzt, einundzwanzig Jahre nach dem französischen Original, auf Deutsch. Wie ist das für Sie, so lange danach noch einmal darüber zu reden?

          Sagen wir so: Ich kann die Dringlichkeit, mit der ich es geschrieben habe, reaktivieren. Außerdem ist das Thema ja aktuell. Wenn ich sehe, was in Texas passiert, denke ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man das Abtreibungsrecht auch bei uns wieder anficht.

          Glauben Sie das wirklich?

          Absolut. Die Abtreibung bleibt ein heikles Thema, einfach, weil es um das Leben geht. Da spielen irrationale, aber sehr tief verankerte Gefühle mit hinein.

          Wie kam Ihr Buch damals in Frankreich an?

          Ha! Gar nicht! Ich hatte zu der Zeit schon „Der Platz“ veröffentlicht, damit einen großen Preis gewonnen, war in Literatursendungen eingeladen worden, viele Artikel waren über mich erschienen, meist lobende, und trotzdem ging „Das Ereignis“ komplett unter. Es kam quasi nichts, keine Rezensionen, kein Fernsehen. Einige waren noch so nett es zu verreißen, aber die Grundhaltung war betretenes Schweigen. Stille. So als sei es geschmacklos darüber zu schreiben, als gehöre sich das nicht, als sei es ein bisschen dreckig.

          Weil in Frankreich die Abtreibung mittlerweile legalisiert worden war und man dachte, „was will die denn“?

          Vielleicht. Die neunziger Jahre waren aus feministischer Sicht ja ohnehin furchtbare Jahre. Man tat so, als sei alles erreicht und wenn doch mal eine etwas forderte, hieß es: „Was wollen die Frauen denn noch? Sie haben doch alles!“ Aber ich denke vor allem, dass man nicht öffentlich diskutieren wollte, was so eine Abtreibung mit dem Körper macht. Als ich ein paar Jahre zuvor „Passion Simple“ herausgebracht hatte, einem Buch, in dem ich über eine obsessive, leidenschaftliche Beziehung zu einem Mann schreibe, fand das niemand zu intim. Die Sexualität in ihrer fröhlichen Form, der erregte Körper, das interessiert die Leute – aber wenn es um den gebrochenen, fast verblutenden Körper einer jungen Frau geht, schauen alle weg. Dann ist es eine „Frauensache“.

          Ist das heute so anders?

          Ich glaube schon, dass man versucht, sich anders mit dem Körper der Frauen zu beschäftigen. Es ist lustig: Wir reden hier über „Das Ereignis“ und in ein paar Stunden läuft beim Filmfestival Venedig die Verfilmung an.

          Und in Paris ist derzeit die Verfilmung von „Passion Simple“ zu sehen. In „Erinnerungen eines Mädchens“ berichten Sie von Ihrer ersten sexuellen Erfahrung, die ziemlich traumatisch gewesen sein muss, danach leiden Sie an Bulimie. Als Sie das alles durchgestanden hatten, beschlossen Sie, dass Sie schreiben wollen. Hängen Sexualität und Schreiben zusammen?

          Ich habe das immer so gesehen, ja. Ich habe immer gedacht, dass zwischen Sex und Schreiben eine sehr enge Beziehung besteht. Ich weiß auch nicht genau warum. Ich habe sogar lange gedacht, ich könnte kein Buch schreiben, in dem Sex nicht vorkommt – habe ich auch kaum. Der Körper, das körperliche Erleben zählt beim Schreiben. Vor allem als Frau. Die Zeit durchläuft unseren Körper einfach anders, verändert ihn mehr, wir erleben dieses Fortschreiten der Zeit intensiver.

          Trotzdem können Sie mit der altfeministischen Aussage, man schreibe mit seinem Körper, nichts anfangen.

          Nein, das stimmt. Hélène Cixous sagte damals, in den siebziger Jahren, dass die Tatsache, dass Frauen einen viel längeren Orgasmus haben, dazu führt, dass ihre Sätze auch länger sind. Das fand ich ziemlich absurd.

          „Im Sex hatte mich meine Herkunft eingeholt“, schreiben Sie in „Das Ereignis“. Wie meinen Sie das?

          Wenn man versucht, seinem ursprünglichen Milieu zu entkommen, fragt man sich oft, was es wohl sein wird, das einen am Ende doch am Aufstieg hindern wird. Worüber wird man stolpern? Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, dachte ich: Natürlich, es ist der Körper! Er wirft mich dorthin zurück, wo ich herkomme. Eine unverheiratete Schwangere, das ist das Symbol der Armut, die Garantie, dass man es nie rausschaffen wird. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, wie das war, als es verboten war und kein Arzt einem helfen wollte. Ich hatte wirklich den Eindruck, als würde sich eine Betonwand vor mir erheben, als sei hier Schluss.

          Sie finden eine Engelmacherin, die Ihnen eine Sonde in die Gebärmutter schiebt, danach laufen Sie mehrere Tage damit herum. Bis Sie fast verbluten. Der Arzt, der Sie rettet, scheint den sozialen Determinismus, von dem Sie eben sprachen, verinnerlicht zu haben.

          Oh Gott, ja, es war furchtbar. Er hat mich angeschrien, war schrecklich grob. Am nächsten Tag sagte die Krankenschwester: „Warum haben Sie ihm denn nicht gesagt, dass Sie Studentin sind? Er schämt sich sehr, dass er so mit Ihnen umgegangen ist.“ Als ob ich in so einem Moment auf die Idee kommen würde, das zu erwähnen. Als ob es eine Rolle spielt. Er dachte wohl, ich sei Fabrikarbeiterin und es geschehe mir recht.

          Ihre Mutter wusste offenbar schon immer, dass Ihr Körper für Sie ein Hindernis werden könnte. In „Eine Frau“ erzählen Sie, dass die Möglichkeit einer ungewollten Schwangerschaft immer als „Das Unglück“ im Raum stand. In Ihrem ersten Roman bildet diese Abtreibung den Rahmen der Geschichte. Hat Ihre Mutter je etwas dazu gesagt?

          Kein Wort. Nie. Sie hat über dieses Buch grundsätzlich nichts gesagt, das war auch gut so. Aber sie freute sich, wenn Leute im Dorf es lasen und war empört, wenn sie es nicht taten.

          Hätten Sie vielleicht aufgegeben, wenn Ihre Mutter nicht so darauf erpicht gewesen wäre, dass Sie eben nicht stolpern?

          Zumindest wäre ich ohne sie nie da, wo ich heute bin. Man braucht jemanden, der einem sagt: Los! Geh! Auch wenn derjenige weiß, dass man sich dadurch entfernen und in eine andere Welt übertreten wird. Meine Mutter hat mich nie zurückgehalten, im Gegenteil. Ich hatte Freundinnen, deren Mütter immer Dinge sagten wie „Das ist nichts für uns“, sich klein machten. Das hat meine Mutter nie getan. Einmal waren wir auf einem Ball, ich hatte mit einem Jungen getanzt, dessen Eltern ein schickes Café besaßen, auf dem Heimweg sagte eine Frau „Der Sohn XY ist doch viel zu hoch für uns“. Da ist meine Mutter richtig wütend geworden: „Entschuldigen Sie mal“, sagte sie, „meine Tochter macht Abitur! Mit den Diplomen, die sie noch machen wird, ist sie diesen Typen allemal wert!“

          Bildung war für Ihre Mutter eine Garantie für Aufstieg?

          Definitiv, ja. Auch, weil sie ihr verwehrt geblieben war. Es war ihre Revanche. Sie hatte die Schule mit zwölf Jahren verlassen und war Fabrikarbeiterin geworden. Als sie meinen Vater kennen lernte, sahen dessen Schwestern auf sie herab. Sie nannten sie „Arsch ohne Hände“, wenn Sie verstehen. Dass sie gerne las, Bücher regelrecht verschlang, spielte für meine Tanten keine Rolle. Aber diese Bücher haben meiner Mutter ermöglicht, eine andere Welt kennen zu lernen, zu wissen, dass da was ist, was man sich holen kann. Sie liebte zum Beispiel Scarlet O’Hara aus „Vom Winde verweht“, weil sie fand, dass sie, wie sie sagte, „ihre Kugel gut gespielt“ hat, also sich gut durchgebissen hat, ihren Weg gegangen ist.

          War Ihre Mutter Feministin?

          Nein, weil sie sich nicht als solche verstand. Aber die Frauen in meinem Milieu waren sicher anders als die der Bourgeoisie, einfach, weil sie alle arbeiteten. Meine Mutter war auch speziell: Sie hasste es zu putzen, konnte nicht kochen, das machte alles mein Vater, weil es ihm gefiel. Er war sehr sanft. Ich habe das Patriarchat als solches erst recht spät kennen gelernt, ebenso wie die sogenannte „Männlichkeit“. Ich kann Ihnen sagen: Als ich ihr begegnete war das ein ziemlicher Schock! (Lacht.)

          Àpropos Männlichkeit: Sie werden vor allem in Deutschland gern mit dem jungen Schriftsteller Edouard Louis, dem Star der „Überläufer“-Literatur, verglichen. Wie finden Sie das eigentlich?

          Ich habe vor kurzem mit einer Soziologin darüber gesprochen und wir kamen zu dem Schluss, dass man daran sieht, dass man sogar als sozialer Überläufer einen Nachteil daraus zieht, eine Frau zu sein. Ich schreibe seit vierzig Jahren über die Zerreißprobe, die so ein sozialer Übergang bedeutet, aber die Vertreter des Themas sind Edouard Louis und Didier Eribon. Das ist in Ordnung, ich mag sie auch beide, aber es ist doch bezeichnend. Als ich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal in Deutschland war, um „Der Platz“ vorzustellen, sagte mir eine Frau: Sie haben doch einfach nur Minderwertigkeitskomplexe. Einem Mann sagt man sowas nicht.

          Waren Sie vielleicht auch ein bisschen zu früh dran?

          Das kann sein, das alles war ja bis vor kurzem kaum ein Thema, über das man sprach oder dessen man sich bewusst war. Und mein Schreiben ist natürlich sehr distanziert, ich möchte kein Mitleid erregen, bloß nicht, ich möchte festhalten.

          Sie verbringen ihr Leben schreibend. In einem Interviewband haben Sie einmal gesagt, dass Sie sich fragen, ob Sie es am Ende bereuen werden, dem Schreiben so viel geopfert zu haben. Denken Sie das wirklich? Hätten Sie es überhaupt anders machen können?

          Ich denke zumindest viel darüber nach, ich frage mich das. Ich habe sicher viel verpasst, vor allem, was die anderen angeht, das Sozialleben. Das Schreiben erschien mir immer als das Wichtigste, für mich machen Erlebnisse und Ereignisse erst Sinn, wenn ich sie aufgeschrieben habe, davor existieren sie nicht wirklich. Aber vielleicht haben Sie Recht, ich hätte es ohnehin nicht anders machen können. Manchmal frage ich mich auch: Gibt es Leute, die dem Schreiben alles opfern und es nicht wirklich schaffen, zu schreiben?

          Bestimmt. Viele.

          Ja. Das ist dann schlimm. Wenn ich meine Bücher im Regal angucke, bedeutet es mir nichts, aber wenn ich die vielen Briefe sehe, die Menschen mir über die Jahre hinweg geschrieben haben, in denen sie sagen, dass meine Bücher ihnen etwas bedeuten, vielleicht sogar ihr Leben verändert haben, dann denke ich mir: Das war es wert. Vielleicht war ich nur dafür da. Um eine Vermittlerin zu sein. Meine Erlebnisse im Kopf der anderen aufzulösen.

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