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Gespräch mit dem Indianerforscher Sydney Possuelo : Wir beneiden sie um ihre Freiheit

  • Aktualisiert am

Vordenker der brasilianischen Indianerpolitik: der Indianerforscher Sydney Possuelo Bild: Ineke Holtweijk

Die Fotos von einem isolierten Indianerstamm im Urwald des Amazonas sorgten kürzlich für Aufsehen. Was wird jetzt aus dem Volk, das Brasiliens Straßenbaupläne stört? Ein Gespräch mit dem Indianerforscher Sydney Possuelo.

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          Als Sie die bei einem Überflug aufgenommenen Fotos von bemalten, unberührten Indianern an der Grenze zu Peru sahen, was haben Sie da gedacht?

          Dass es ziemlich gute Fotos sind und dass die Leute großes Glück hatten. Indianer malen sich nicht jeden Tag an. Und diese haben sich gewiss nicht angemalt, weil sie mit der Rückkehr des Flugzeugs rechneten, das sie am Vormittag schon einmal gesehen hatten. Woher hätten sie das wissen sollen. Sich den Körper zu bemalen dauert viel zu lange, das macht man nicht aus einer Laune heraus. Ich muss allerdings sagen, dass ich nicht so tief geflogen wäre. Man erschreckt die Indianer leicht.

          Hätten Sie die Fotos veröffentlicht?

          Ja. Es ist gut, wenn alle wissen, dass dort Indianer leben. Für uns ist die Existenz dieses Stammes nichts Neues. Wir hatten diese Hütten schon lange lokalisiert. Leider gibt es noch immer Leute, die die Existenz dieser Indianer leugnen. Man wirft uns vor, abgelegene Landstriche als Wohngebiete der Indianer auszugeben, um das Land als Indianerreservat ausweisen zu können. Ein Vorwurf, den uns beispielsweise der Gouverneur des Bundesstaates Rondônia machte, nachdem wir isoliert lebende Stämme entdeckt hatten. Wir mussten die Indianer sogar filmen, um die Leute von deren Existenz zu überzeugen.

          Kürzlich entdeckt: ein von der Zivilisation unberührter Indianerstamm im brasilianischen Regenwald

          Haben Sie jemals selbst Indianer in der Gegend gesehen?

          Nur einmal habe ich beim Überfliegen einen Indianer in der Nähe dieser Hütten gesehen. Einen Mann, der ein Kind auf dem Arm trug. Er ging in die Hütte und kam dann wieder heraus, ohne Kind, dafür mit Pfeil und Bogen, um auf das Flugzeug zu schießen. Das war vor etwa zehn Jahren. Die Fotos sind in „National Geographic“ erschienen.

          Warum sieht man fast nie Indianer, wo doch in diesem Gebiet mindestens vier nicht-kontaktierte Stämme leben sollen?

          Sie haben ein ausgezeichnetes Gehör, sie hören das Flugzeug schon von weitem und fliehen in die Wälder. Vermutlich waren diese Indianer gerade bei einem Ritual, als das Flugzeug auftauchte. Das würde auch die Körperbemalung erklären.

          Glauben Sie, dass diese Indianer eine Chance haben, ihre Unberührtheit zu bewahren?

          Schwer zu sagen. Wenn die Straße in Acre quer durch ihr Land zum Pazifik gebaut wird wie geplant, dürfte damit ziemlich schnell Schluss sein.

          Wie kommt es, dass diese Fotos und überhaupt Indianer eine so große Faszination auf uns ausüben?

          In erster Linie ist es Neugier, aber auch das Gefühl, dass wir uns auf diesen Bildern selbst sehen. So haben wir vor Tausenden von Jahren gelebt, dieses Leben gibt es heute noch im Dschungel. Das ist nichts Museales, sondern lebendige Vergangenheit. Vielleicht lösen diese Bilder auch eine gewisse Nostalgie aus. Diese Indianer brauchen nur den Wald. Korrupte Politiker, Geldsorgen, Stress und Hektik – all das kennen sie nicht. Sie sind außerordentlich frei. Und wir beneiden sie um diese Freiheit.

          Wie ist es, den Indianern erstmals zu begegnen?

          Die erste Begegnung ist immer ein sehr angespannter Moment. Man weiß, dass sie wahrscheinlich angreifen wollen. Indianer haben viel gelitten unter der Gewalt von Weißen. Man verkörpert die Erinnerung an all die toten Familienangehörigen, die sie rächen wollen. Man kann sich hinhocken und ein paar Indianer freundlich anschauen, und plötzlich wird man von einer anderen Gruppe angegriffen, die sich irgendwo versteckt hatte. Die Anspannung ist so groß, dass einige von uns, besonders die indianischen Führer, aus Panik abdrücken könnten. Deshalb habe ich vor der Kontaktaufnahme mit den Korubó-Indianern Pfefferspray und Feuerwerkskörper verteilt. Die sollten die Korubó bei einem eventuellen Angriff erschrecken. Nur fünf von fünfunddreißig Expeditionsteilnehmern waren bei der Kontaktaufnahme bewaffnet. Und es sollte auch nur in die Luft geschossen werden. Für uns gilt die Regel, dass wir eher den eigenen Tod in Kauf nehmen, als dass wir einen Indianer töten. Wenn der Kontakt hergestellt ist und niemand getötet wurde, ist man unglaublich erleichtert. Aber man muss ständig auf der Hut sein. Zehn Monate nach friedlicher Kontaktaufnahme griffen die Korubó an und töteten einen Mitarbeiter der Funai, also der brasilianischen Indianerbehörde.

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