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Gespräch mit dem belgischen Sänger Stromae : Melancholie ist Traurigkeit mit Würde

„Mag sein, dass ich bestimmte Dinge erlebt habe, aber vor allem habe ich sie gesehen“, sagt Stromae. Manche sehen in ihm den neuen Jacques Brel. Bild: AFP

Der Belgier Stromae ist eine ungewöhnliche Figur des Pop. Er singt von Krisen, Armut und Schulden. Dass er keine Videos mit Limousinen und Champus macht, hat einen Grund.

          Ihr erster Hit „Alors on danse“ ist, zumindest was den Text angeht, ein ziemlich desillusionierendes Lied. Sie singen darin von der Krise, von Schulden, Armut und gescheiterten Beziehungen. Trotzdem stand das Lied in neunzehn Ländern auf dem ersten Platz der Hitparaden, und die Leute tanzten zu ihm in Diskos landauf, landab. Was glauben Sie, wie kann das sein?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Stromae: Es stimmt, es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Text und der Musik bei diesem Lied. Und es hat mich überrascht, die Leute in Deutschland, Dänemark oder Italien zu ihm tanzen zu sehen. Sie hören zu und tanzen, obwohl sie den Text nicht verstehen. Andererseits: Warum sollte meine Musik nur für diejenigen sein, die meine Sprache sprechen? Ich glaube, dass die Leute, ob sie nun frankophon sind oder nicht, die Melancholie in meinen Liedern wahrnehmen. Denn selbst die Melodie in „Alors on danse“ ist nicht nur fröhlich, sie hat etwas Nostalgisches. Sie erinnert nicht nur ans Partymachen.

          Trotzdem erinnert mich dieses Phänomen manchmal zum Beispiel an das Lied „Bloody Sunday“ von U2. Das ist natürlich eine ganze andere Art von Musik, aber doch: In „Bloody Sunday“ geht es um jenen Sonntag im Januar 1972, an dem im nordirischen Derry rund ein Dutzend Menschen erschossen wurden. Das Lied hat also einen ernsten, unglaublich traurigen Inhalt; aber sobald es irgendwo läuft, sieht man Leute, die laut mitsingen, als wäre es ein Jubelgesang. Und ich denke dann, dass die Leute das tun, weil sie eigentlich gar nicht wissen, was sie da überhaupt singen.

          Ich glaube das wohl. Es gibt zwar Leute, auch Franzosen, die überhaupt nicht verstehen, wovon ich rede, die sogar den Text mitsingen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was er bedeutet. Aber ich glaube auch, dass man sich selbst über den Schmerz amüsieren kann. Es gibt keinen Grund dafür, warum man nicht zu einer traurigen Melodie einen lustigen Text schreiben sollte und umgekehrt. Ich brauche beides. Für mich ist das Melancholie, und das ist es, was mich anspricht.

          Sie würden also Ihre Musik, in der es so viel und so konkret um die besonderen Probleme unserer Zeit geht, als melancholisch bezeichnen?

          Ja, Melancholie ist für mich aber nicht dasselbe wie Traurigkeit. Melancholie ist Traurigkeit mit Würde. Das bedeutet, dass es irgendwann wieder besser werden kann.

          Wie kommt es, dass sich ein 28 Jahre alter Mann wie Sie ausgerechnet von einem solchen Gemütszustand angesprochen fühlt?

          Ich habe mich nie für Videoclips voller Limousinen und Champagnerflaschen interessiert. Ich wusste, diese Dinge würden mir überhaupt nichts bringen. Ab und zu mit Freunden Party machen, klar, das ist nett. Aber zu glauben, dass ich an dem Tag glücklich sein werde, an dem ich eine Hublot oder ein tolles Auto besitze - so bin ich nicht erzogen worden. Es gibt viel populäre Musik, die mich zwar interessiert, was ihren Groove betrifft, vor allem Hip-Hop und Dancemusic, bei der ich aber nicht verstehe, warum die Künstler erzählen, was sie erzählen. Es mag zu ihnen passen, aber zu mir passt es eben nicht.

          Waren denn die Zweideutigkeit in Ihrer Musik und auch dieses androgyne Image, das Sie mittlerweile pflegen, von Anfang an geplant?

          Nein. Obwohl ich zugeben muss, dass mir das Moralisieren doch irgendwie liegt. In dem Lied „Sommeil“ zum Beispiel lese ich einem Freund die Leviten und rate ihm, dass er sich jetzt mal wieder aufrappeln muss. Ich glaube, ich gebe einfach gerne den aufrechten Jungen, weil so jemand tatsächlich in mir steckt. Ich bin kein Rebell, ich war auch nie einer.

          Man bezeichnet Sie allerdings gerade wegen Ihrer Art, politische und private Themen aufzugreifen, gerne als „Chronisten einer Generation“.

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