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Gespräch mit David Grossman : Klare Grenzen, keine Mauern

  • Aktualisiert am

Der israelische Schriftsteller David Grossman Bild: picture-alliance/ dpa

Der israelische Autor David Grossman hat sich immer wieder für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Im Interview äußert er sich über Kritik an Israel, Gespräche mit der Hamas und Deutschlands Rolle im Nahost-Konflikt.

          5 Min.

          Der israelische Autor David Grossman, 54, war lange Nachrichtenredakteur bei „Radio Israel“ und wurde mit seinen Reportagen „Der gelbe Wind“ bekannt, bevor er begann, Romane zu schreiben. Immer wieder hat er sich für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Im Hanser-Verlag sind gerade seine Essays „Die Kraft zur Korrektur“ über Politik und Literatur erschienen. Grossmans zweitältester Sohn Uri wurde im August 2006 durch eine Rakete der Hizbullah im Libanon getötet. Als er zur Armee ging, hatte sein Vater begonnen, einen Roman über eine Frau zu schreiben, deren Sohn Soldat ist und die befürchtet, er könne sterben. Die Realität holte Grossman ein. Dennoch hat er seinen Roman zu Ende geschrieben. Er ist vor sechs Wochen in Israel erschienen.

          Herr Grossman, als vor zehn Tagen die Feierlichkeiten zu „60 Jahren Israel“ stattfanden, waren auch kritische Stimmen zu hören: „Kein Grund zu feiern!“, stand in einer Anzeige, die Intellektuelle aus aller Welt in der „International Herald Tribune“ geschaltet hatten: sechzig Jahre Israel zu feiern, hieß es, sei wie ein Tanz auf den Gräbern der Palästinenser. Wie sehen Sie das?

          Ich habe die Anzeige nicht gelesen, hätte sie aber auch nicht unterschrieben. Ich nehme Israel wie mit einer bifokalen Brille wahr und bin mir der Gründe, die gegen eine Feier sprechen, genau bewusst: Ich sehe die Brutalität der Besetzung. Ich sehe, wie wir, ökonomisch und militärisch, immer machtbesessener werden. Ich sehe, wie wir die besetzten Gebiete in ein riesiges Gefängnis verwandeln. Gleichzeitig aber betrachte ich Israel als ein säkulares Wunder, wirklich! Was wäre mit uns geschehen, wenn wir diesen Staat nicht hätten?

          Halten Sie die Proteste gegen die Feierlichkeiten für gefährlich?

          Sie werden gerne missbraucht, um Antisemitismus zu schüren. Allerdings ist die Kritik an Israel in vieler Hinsicht legitim und berechtigt. Ich sehe nicht, dass hier auf palästinensischen Gräbern getanzt wird, und beneide manchmal die Leute, die so selbstgewiss die Guten und die Bösen ausmachen können. Das Ganze hier ist ja kein Fußballspiel, bei dem man sich eine Mannschaft aussuchen kann. Beide Mannschaften sind sehr erbärmlich.

          Welche Rolle spielt Deutschland in diesem Spiel?

          Ich wünschte, Deutschland würde sich sehr viel mehr einmischen. Ich kenne Ihren Außenminister Frank-Walter Steinmeier gut, wir haben uns oft getroffen. Als mein Sohn Uri vor zwei Jahren im Krieg fiel, schrieb er mir einen zwei Seiten langen Brief, was mich berührt hat. Ich schätze seine Analyse der politischen Situation im Nahen Osten und seine Bemühungen. Aber das ist nicht genug. Nach den Ausgleichszahlungen - wie nennen Sie das noch mal?

          Wiedergutmachung.

          Genau. Ich mag dieses Wort nicht, es erscheint mir lächerlich. Nach diesen Zahlungen aber, nach der ganzen ökonomischen Unterstützung, könnte Deutschland jetzt in eine zweite Phase des freundschaftlichen Beistands eintreten: Deutschland muss alles tun, um Israelis und Palästinenser zusammenzubringen. Ich weiß, dass man in Deutschland aufgrund der Schoa meint, keinen zu großen Druck auf Israel ausüben zu dürfen. Vielleicht ist es aber gegen unsere eigenen Interessen, dass wir nicht genug unter Druck gesetzt werden. Ein Freund Israels muss auch ein Freund der Interessen Israels sein.

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