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Gespräch mit Berlinale-Chef : Es wird die typische harte Berliner Mischung

  • Aktualisiert am

Dieter Kosslick glaubt an die Koexistenz von Kino und Internet-Streaming Bild: dpa

Wenn Nordkorea die Filmpolitik bestimmt: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick über „The Interview“, die richtige Mischung bei der Filmauswahl und die Zukunft seines Festivals.

          In gut drei Wochen beginnt die Berlinale. Sehen Sie ein Thema, das die diesjährigen Einreichungen verbindet?

          Wir zeigen 400 Filme und im Markt noch einmal tausend, von denen 700 Weltpremieren sind. Insgesamt bekommen wir über 6000 Filme eingereicht. Es ist die übliche harte Berlinale-Mischung: Kindesmissbrauch, Magersucht, Globalisierungsschäden, Missachtung der Menschenwürde und dazu Filme, die sich mit ethnischen, indigenen Themen beschäftigen. Wir haben vor drei Jahren eine eigene Reihe mit indigenem Kino gestartet und sind dieses Jahr in Lateinamerika. Da gibt es sehr viele Verbindungen auch zum Wettbewerbsprogramm. Ein anderes Thema sind Frauen, ihre Darstellung, und dass die Geschichte bislang von Männern erzählt wird. Wir haben mehrere Filme von Frauen über Frauen. Unser Eröffnungsfilm von Isabel Coixet zeigt, dass auch Frauen zum Nordpol kommen können. Auch wenn bislang die Geschichte der Polarexpeditionen von Männern geschrieben worden ist.

          Wie viele Leute schauen wie viele Filme in der Vorbereitung?

          Alle 6000 Filme werden irgendwie gesichtet bei uns. Das liegt natürlich auch daran, dass wir vermeiden wollen, einen Film zu übersehen, der drei Monate später am blauen Mittelmeer aufschlägt. Auch das ist uns schon passiert. Es gibt einen Film, bei dem ich das bis heute nicht überwunden habe. Man hat panische Angst, einen Film zu übersehen. Das zwingt einen, alle Filme anzuschauen. Natürlich, wenn nach einer Stunde alle schlafen und der Vorführer auch, dann sollte man abbrechen. Aber am Ende bleiben für die Wettbewerbsauswahl 250 Filme übrig. Das sind die, die auch ich sehe. Insgesamt sind in den gesamten Sichtungsprozess hundert Leute involviert. Am Ende sind es etwa ein Dutzend Leute, die bei den Wettbewerbsentscheidungen mitdiskutieren. Die Entscheidung muss dann ich treffen.

          Wie groß ist der Einfluss der Fernsehredakteure auf den deutschen Film? Ein Produzent klagte, sie hätten in Deutschland so viel Macht wie die amerikanischen Studiobosse.

          Die meisten Filme sind vom Fernsehen kofinanziert. Der Einfluss der Fernsehredakteure kann negativ gesehen werden, weil sie Macht haben und eine Vorauswahl treffen. Aber ich halte den Redakteur immer noch für eine sehr wichtige Stimme im Produktionsprozess. Er oder sie wollen ein gutes Produkt für ihren Sender haben. Vielleicht ist das schon bald Vergangenheit. Ab sofort, seit Nordkorea versucht, die Filmpolitik der Welt zu bestimmen, ist sowieso alles anders. Die Frage ist doch: Kommen die Filme überhaupt noch ins Kino, oder werden sie heruntergeladen, gestreamt. Werden sie so veröffentlicht wie jetzt „The Interview“? Seit Jahren werden Strategien erarbeitet, wie man einen Film nicht am roten Teppich oder in der normalen Premiere zeigt, sondern, dass man ihn auf 25 000 Bildschirmen und im Kino gleichzeitig weltweit startet. Jetzt ist gerade der Beweis erbracht, dass man das mit einem Kinofilm im Netz machen kann. Deshalb ist die Frage nicht mehr zwischen Film und Fernsehen, sondern die Frage lautet: Wo wird in Zukunft ein großes audiovisuelles Produkt präsentiert?

          Sind Filmfestivals dieser Art noch der Ort, wo sie präsentiert werden können?

          Darüber gibt es bei der Berlinale in diesem Jahr eine große Diskussion. Wir öffnen den Markt für Fernsehserien, nicht für alle, aber bestimmte. Eine der interessantesten Diskussionen wird sein, was sich in China bei diesem Thema mit Hunderten von Millionen Abonnenten für Filmplattformen schon längst entwickelt hat. Auf der einen Seite ist da noch das Kino, das viel Geld kostet, wo man physisch reingehen muss. Das ist für die Chinesen eine große Attraktion, es fehlen fast 30 000 Leinwände. In China spielt das Fernsehen schon längst nicht mehr die Rolle wie bei uns. Wir sind in einer völlig neuen historischen Phase, und ich hoffe, dass das Bewusstsein bei der Berlinale geschärft wird, wohin eigentlich die Post beziehungsweise der Film geht und welche die Rolle der Festivals in Zukunft sein wird. Aber der Nebeneffekt, den „The Interview“ hat, ist auch beachtlich.

          Viele Filmemacher drehen ihre Filme mit wenig Mitteln an der Förderung vorbei. Finden die auch ihren Platz bei der Berlinale?

          Als Festivalchef muss ich dafür sorgen, dass auch Independent-Filme und Newcomer auf der Berlinale zu sehen sind. Das ist ganz wichtig. Sie werden die Hälfte der Leute noch nicht kennen, deren Filme bei uns laufen. Wir verfolgen natürlich auch die Filmographien der großen Regisseure. Aber wir müssen auch Filme zum Beispiel aus Kasachstan wie 2013 „Harmony Lesson“ zeigen. Wir müssen die alten Hasen und die Newcomer mischen auf die Gefahr hin, dass ich schwer eins auf die Mütze bekomme.

          Wo steht die Berlinale international?

          Die Berlinale wird 65 Jahre alt. Sie ist das einzige A-Filmfestival, das Deutschland kreiert hat im Konzert mit Cannes und Venedig. Im internationalen Vergleich sind wir auf dem dritten Platz. Da fühlen wir uns wohl. Die Frage ist: Wer ist Nummer zwei? Nummer eins ist eindeutig, und so schauen wir mal: Man weiß aus der Formel 1, dass es gar nicht dumm ist, ein Stück weiter hinten zu fahren, wenn man überholen möchte. Wir stehen ganz gut da. Wir haben in diesem Jahr voraussichtlich den zweitgrößten Filmmarkt der Welt. Das ist für die Zukunft der Berlinale sehr wichtig.

          Wie viele Jahre geben Sie der Berlinale noch?

          Wir können nicht so tun, als würde die Zeit stillstehen. Ich sehe die Zukunft des Kinofilms und des Festivals analog zur Entwicklung im Buchgewerbe: Trotz Kindle und Computer lesen immer noch Menschen ein gutes traditionelles Buch. Da wird es eine Koexistenz geben. Die einen schauen sich „Ben Hur“ auf der Armbanduhr an, die anderen gehen ins Kino.

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