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Gesellschaftstheorie : Die Sorge hat keine Adresse mehr

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Ausflug in der Verabredungszentrale: die moderne Familie regiert das Rationalitätsprinzip Bild: ddp

In der Krise reagiert der Mittelstand ohne Panik. Seit er sich daran gewöhnt hat, Familie, Schule und Beruf durch Netzwerke zu ersetzen, ist er resistent gegen Empörung. Eine Gesellschaft, die das Vertrauen in Institutionen verloren hat, sucht ihre Sicherheit in ständiger Kontrolle und Zertifizierung.

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          Paradigmenwechsel sind Zeiten beschworener Gewissheit. Als der Soziologe Theodor Geiger 1932 in seinem Porträt der deutschen Gesellschaft das Lebensgefühl der Krisenzeit in die Formel „Panik im Mittelstand“ zusammenfasste, hat er die Wetterwolken einer Verheißungserwartung, die längst aufgezogen waren, scharfsinnig gedeutet. Von vergleichbaren Stimmungslagen ist heute nirgends etwas zu sehen, die bedrohten „kleinen Materialismen“ (Geiger) der Schichten und Milieus vereinen sich nicht zu populistischer Sündenbocksuche, und die Eliten halten, wenn auch murrend, den Versuchungen des Rette-sich-wer-kann stand. Keine Panik wäre demnach die alles in allem beruhigende Diagnose: Lakonie ist die Weisheit der Stunde.

          Dass der Belastungstest für die Institutionen so verblüffend nüchtern ausfällt, hat mit Weichenstellungen zu tun, an die wir uns schon gewöhnt haben. Familie, Schule, Universität und Nation als die grundlegenden Filter der Realitätswahrnehmung scheinen für vorbildliche Resistenz gegen Panik zu sorgen. In der Gesellschaft der Moderne begründen sie Zugehörigkeiten mit eigenen Geltungsansprüchen an die Person. Sie beziehen sich auf Gemeinschaftsbildungen, die durch Dauer der Bindung, Handlungsanforderung sowie Zielsetzung scharf voneinander unterschieden sind, dabei jeweils Anerkennung spenden.

          Elternlose Gesellschaft

          Der Befund: Die Institutionen der Gemeinschaftsstiftung sind geschwächt. Das beginnt mit der Familie. Mit der Präsenzzumutung, die der Arbeitsplatz in der Wissensgesellschaft einfordert, geht ein Ende der Kindheit einher. Nicht etwa die relative Unsichtbarkeit eines permanent beschäftigten Vaters, vielmehr die Undurchsichtigkeit der Elternschaft bestimmt den kindlichen Bildungsprozess. Alexander Mitscherlichs Formel für die Situation einer durchgängigen Expertisierung der Sozialisation müsste heute die „Elternlose Gesellschaft“ lauten. Und in dem Maße, in dem die Eltern sozialisatorisch verschwinden, setzt deren schlechtes Gewissen Kindergärtnerinnen und Lehrer unter Druck, die Folgen des Rückzugs zu kompensieren. Es sind die Eltern, die Schul-Kollegien mit der Forderung nach strengsten Leistungskontrollen und permanenter Fortbildung überziehen, ignorant gegenüber dem Eigenrecht des pädagogischen Raums.

          Die Familie ist nicht länger eine Gegenwelt gegen das Rationalitätsprinzip des Wirtschaftslebens, vielmehr ist sie zu einem Vorbereitungsmodell avanciert. Keimzelle des Staates - eine Formel aus vergangenen Zeiten. Heute allenfalls Verabredungszentrale. Nicht mehr Widerständigkeit und Sperrigkeit über die Identifikation mit einer Sache, nicht mehr Trost und Muße als atmosphärische Rahmung der moralischen Reifung, die selbstsuggestive Zauberformel von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf diktiert den praktischen Vollzug des Familienlebens. Kinder, die sich unter dem vorübergehenden Einfluss ihrer Eltern auf Adressensuche begeben, werden mit ADHS-Syndrom in der medizinischen Praxis behandelt. Sie spiegeln in ihrer Hektik die Logik des alltäglichen Verschwindens der Erwachsenen, so dass das Land der wilden Kerle, die Gute-Nacht-Geschichte von dem Kind, das sich aus Trotz auf eine Phantasiereise begibt, zum wahren Kinderparadies wird. Auf die wilden Kerle ist Verlass, sie haben keine Termine.

          Wandel ohne Adresse

          Dabei ist im Binnenraum der Familie eine Entwicklung angekommen, die die auf Erziehung, Sorge, Pflege und Heilung spezialisierten Institutionen hinter sich haben. Patienten, Mandanten, selbst Studenten sind aus den verbliebenen ständischen Resten zugestandener Abhängigkeiten gewechselt in den neutralen Status des Kunden, der eine Leistung einkauft. Zuspruch und Trost, Heilung und Bildung sind zu Bedürftigkeiten des Marktteilnehmers geworden. Nun ist es für Berufe mit einem treuhänderischen Auftrag selbstverständlich, unternehmerisch kalkulieren zu müssen - eine Orientierung, die jedoch stets im Hintergrund blieb.

          Der Nerv der bürgerlichen Institutionenordnung wird getroffen, wenn der Latenzschutz (Niklas Luhmann) aufgegeben wird zugunsten einer organisierten Fiktion von Effizienz, die durch Zertifikate und Evaluationen versprochen wird. Dabei ist schwer auszumachen, wo die Dominanz ökonomischer und bürokratischer Rationalität ihren Anfang genommen hat - der Wandel hat keine Adresse, kein Ministerium oder gar eine Partei, er stellt sich als Folge eher dar denn als Strategie. Im Ergebnis bedeutet er die Disqualifikation von Kernsegmenten der Dienstleistungsberufe.

          Temporäre Bindungen

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