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Gesellschafts-Utopie : Siedler, zieht hinaus aufs freie Meer

So könnten, nach einem Entwurf von András Gyorfi, die Wohninseln der Zukunft aussehen Bild: Seasteading Institute

Liegt unsere Zukunft auf den Ozeanen? Der Utopist Patri Friedman will schwimmende Staaten gründen, die keinen nationalen Gesetzen unterliegen und Horte der Innovation sind. In weniger als hundert Jahren soll einer davon eine Weltmacht sein.

          Es gibt heutzutage schon mehr wirtschaftswissenschaftliche Theorien als Quastenflosser in den Meeren, und die amerikanische Familie Friedman trägt dafür eine Mitverantwortung. Der Nobelpreisträger Milton Friedman hinterließ der Volkswirtschaftslehre viele kritische Werke über den Wohlfahrtsstaat und die Geldpolitik. Sein Sohn David verfasste große Phantasien eines totalen Kapitalismus. Patri Friedman, Davids dreiundreißigjähriger Sohn, will die Welt nun nicht mehr erklären, sondern verschiffen. Er möchte aussiedeln, mit vielen anderen, auf schwimmende Inselstaaten hinaus in die Freiheit der Meere.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Um das zu begründen und es in einem realistischen Licht erscheinen zu lassen, schrieb er dann doch erst mal ein Buch. Es heißt „Seasteading: A Practical Guide To Homesteading The High Seas“, ist noch nicht ganz fertig, umfasst dreihundertdreißig Seiten und ist schon auf seiner Website zu lesen. Das Buch enthält bereits einen vagen Zeitplan für die kommenden hundert Jahre: In zwei Jahren soll ein erster Mensch hinaus aufs Meer ziehen, in fünf Jahren schon hundertfünfzig, in zwanzig Jahren eine ganze Kleinstadt, in hundert eine halbe Milliarde Menschen. Das ist ernst gemeint.

          Unser Problem sind die hohen Eintrittsbarrieren

          Schwimmende, autonome Inselstaaten will Patri Friedman etablieren, die in hoheitsfreien Gewässern umhertreiben und keinem nationalen Gesetz unterliegen sollen. Seit acht Jahren schreibt er dafür an seinem Drehbuch, im vergangenen Jahr schritt er zur Tat und gründete im kalifornischen Palo Alto das sogenannte „Seasteading Institute“, als dessen Präsident er nun tätig ist. Im Jahr 2084, teilt das Institut mit, werde mindestens eine Seesiedlung zur „Weltmacht“ emporgestiegen sein.

          Löchrige Phantasie: Entwurf von Emerson Stepp

          Das Motiv dieser Siedlungsutopie ist nicht nur die Großmacht-Sandkastenphantasie eines kalifornischen Wohlstandkinds, sondern vor allem das große Friedman-Thema: Freiheit. Patri Friedman ist ein Libertärer, ein Anarcho-Kapitalist. Libertäre sind prinzipiell nicht der Meinung, der Staat sei für „Chancengleichheit“ verantwortlich. Ihnen graut es beim Gedanken an Umverteilung und an Verbote wie die von Drogen, Glücksspiel, Prostitution. Manche wollen alle Staatsaufgaben privatisieren. Friedman will es nicht einsehen, dass der Staat bestimmt, was mit einem Großteil seines Einkommens geschieht. Er wollte aus den Vereinigten Staaten auswandern, fand aber kein besseres Land. Staaten, die große Steuerfreiheit böten, könnten keine wirtschaftliche Freiheit garantieren und umgekehrt. Eine Revolution erschien ihm unrealistisch. Ihm ist klar, dass Libertäre nirgendwo in der Mehrheit sind.

          Auf das Meer auszusiedeln scheint ihm der am einfachsten gangbare Weg zu sein. „Anstelle von hundertdreiundneunzig Ländern soll es Tausende Länder geben, mit einer viel breiteren Palette an Steuer- und Sozialsystemen“, sagt Patri Friedman im Gespräch mit dieser Zeitung (siehe Patri Friedman: „Ich will ein schwimmendes Hong Kong erschaffen“). „Unser Problem ist nicht die Anzahl an Staaten, sondern die hohe Eintrittsbarriere auf diesen Markt.“

          In einer sittenlosen Gesellschaft

          Eintrittsbarrieren. Markt. Mit Südseeromantik hat sein Vorhaben nichts zu tun. Der junge Friedman spricht über seine Utopie wie ein Ingenieur über Sportwagen: „Die Demokratie ist im Moment der neueste Stand der Technik. Ich halte sie aber nicht für die Blüte der Technologie der politischen Regeln und Sozialsysteme.“ Also, meint er, müsse es neue Länder geben, „Start-ups“ zum „Experimentieren“. Am Telefon klingt seine Stimme hart, die Sätze abgehackt, er hört sich wie ein intelligenter Roboter aus einem Science-Fiction-Film der achtziger Jahre an. Die Inseln sollen mobil und veränderbar sein, so dass sie sich jederzeit trennen und wieder an andere andocken können.

          Patri Friedman glaubt an die Vernunft und den technischen Fortschritt und sieht es als eine der edelsten Pflichten der Menschheit an, eines Tages auch das Altern und Sterben zu besiegen. Er ist Mitglied einer transhumanistischen Organisation. Es störe ihn, in einer Gesellschaft leben zu müssen, in der die Mehrheit bestimme, was Recht und Gesetz sei, sagt er: „Ich muss täglich mit Regeln leben, die andere machen und denen ich nicht zustimme. Das gibt mir das Gefühl, in einer sittenlosen Gesellschaft zu leben.“

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