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Gesellschaft : Wollen wir unser Preußen wiederhaben?

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Mit einem Pinsel säubert eine Museums-Mitarbeiterin einen preussischen Gardehelm Bild: dpa-Bildfunk

Brandenburgs Sozialminister, Alwin Ziel (SPD), will das Bundesland Berlin-Brandenburg jetzt "Preußen" nennen. Eine Umfrage.

          Der preußische Sozialminister, Verzeihung, der brandenburgische Sozialminister Alwin Ziel (SPD) schlug gestern vor, das mit der geplanten Fusion von Berlin und Brandenburg entstehende neue Bundesland „Preußen“ zu nennen.

          Ziel sagte, trotz der Finanzkrise in Berlin könne die Fusion der beiden Länder noch in diesem Jahrzehnt gelingen. Er widersprach damit Innenminister Schönbohm (CDU), der sich nach Bekanntwerden des neuen Berliner Haushaltsdefizits skeptisch geäußert hatte. Ziel sagte weiter, das neue Bundesland müsse nicht unbedingt Berlin-Brandenburg heißen: „Ich würde nicht davor zurückschrecken, wenn es Preußen hieße.“

          Ein Satz, der ein kleines Beben auslöste. Die Kollegen der "Berliner Seiten" der F.A.Z. haben Preußenkenner unterschiedlicher Provenienz gefragt, was sie von dem Vorschlag halten: Die Stimmen reichen von Freude bis Entsetzen.

          Julian Nida-Rümelin (Staatsminister für Angelegenheiten der Kultur und Medien)
          Ich finde, dass damit ein falscher Anspruch verbunden ist. Der Zusammenschluß von Berlin und Brandenburg wird etwas genuin anderes sein als Preußen. Dies zeigt sich schon allein an den veränderten territorialen Grenzen, die ja auch keiner in Frage stellen will. Darüberhinaus könnte der Name Preußen falsche Assoziationen in Deutschland und im Ausland wecken. An der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist erkennbar, wie sich eine Formation aus Bund und Ländern zusammengefunden hat, um Verantwortung für den Fortbestand des kulturellen Besitzes zu übernehmen, der von Preußen geblieben ist. Auch von daher sehe ich keinen Grund zu einer Wiederbelebung des Namens Preußen.

          Wolf Jobst Siedler (Autor)
          Ich halte dies für eine reizende romantische Idee, die aber weder etwas von Geschichte noch von Realität versteht. Wenn man zwei Hungerleider zusammenschließt, wird daraus kein modernes Preußen.

          Hans Magnus Enzensberger (Schriftsteller)
          Ich finde diese Idee auf Anhieb nachvollziehbar. Man könnte es auch „Kleinpreußen“ nennen, zurück zu den Anfängen sozusagen. Und aus Münchner Sicht kann ich die Berliner und Brandenburger beruhigen: Hier gibt es keine Sorgen mehr vor einem wiedererwachenden Preußen, eher Bedauern und ein gewisses Mitgefühl für die notleidende Stadt und das notleidende Land im Norden. Interessant wäre natürlich auch die Frage: Was sagt der Alliierte Kontrollrat dazu? Aber der hat ja keine Adresse mehr in Berlin und kann somit leider gar nicht mehr befragt werden.

          Graf Carl-Eduard von Bismarck (CDU-Bundestagskandidat)
          Dieser Vorschlag ist überhaupt nicht absurd. Brandenburg war das Kernland des preußischen Staates, auch andere deutsche Bundesländer haben historische Namen übernommen. Das heutige Hessen deckt sich zum Beispiel nicht mit dem historischen Hessen. Als Marke hat Preußen zumindest einen internationalen Klang, was man von Brandenburg nicht sagen kann.

          Prinz Ferfried von Hohenzollern
          Durch tendenziöse Geschichtsschreibung wurde der Name Preußen zum Synonym für alles Unangenehme in der deutschen Geschichte. Dabei steht Preußen für eine Reihe von Tugenden wie Disziplin, Fleiß und Fortschrittlichkeit, die in der Region Berlin-Brandenburg dank der dort Regierenden heutzutage sehr dünn gesät sind. Vielleicht würde die Umbenennung eines fusionierten Landes Berlin-Brandenburg in Preußen tatsächlich dazu beitragen, diese Tugenden wieder ein wenig zu verbreiten. Ein fabelhafter Vorschlag!












          Christoph Stölzl (Vizepräsident des Abgeordnetenhauses und war Berliner Kultursenator)
          Diese Idee finde ich sehr gut. Das ist die Klammer, die Berlin endlich sinnvoll mit seinem Umland verbindet und vor allem auch die Klammer zur preußischen Vergangenheit herstellt: Zur Vergangenheit von Berlin und von Brandenburg. Es geht eben nicht, daß man auf der einen Seite die schönen Errungenschaften der preußischen Vergangenheit für sich reklamiert, auf der anderen Seite aber der Name tabu ist. Ich halte diesen Vorschlag von Alwin Ziel für eine geradezu salomonische Lösung.

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