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Gesellschaft : Holocaust-Forscher Raul Hilberg verteidigt Finkelsteins Buch

  • -Aktualisiert am

Norman Finkelstein Bild: dpa

Frankreichs Juden hatten mit dem Jüdischen Weltkongress schon immer ihre Probleme. Das heisst nicht, dass sie mit Norman Finkelstein Buch „Die Holocaust-Industrie“ einverstanden sind.

          Jetzt hat „Die Holocaust-Industrie“ Frankreich erreicht - und sorgt auch dort für Irritationen. Die Zeitung „Le Monde“ hat die Stimmen auf zwei Seiten abgedruckt. Sie reichen von kompletter Ablehnung bis zur Zustimmung.

          Schon innerhalb des französischen Verlages „La Fabrique“ gingen die Meinungen über das Buch weit auseinander. „Le Monde“ zitiert etwa einen Historiker des Verlages, der das Buch „oberflächlich“ nennt und Finkelstein die „typische Attitüde des antizionistischen Juden“ vorwirft. Das Buch könne „als antisemitisches Pamphlet erscheinen, und deshalb war ich gegen seine Veröffentlichung“, wird der Verlagsmitarbeiter zitiert. Er fürchtet, dass das Buch die Einstellung der Franzosen in der Entschädigungs-und Beutekunst-Rückgabe negativ beeinflussen könnte. „Wer das Buch unvorbereitet liest, könnte die Mattéoli-Kommission (von Staatspräsident Chirac ins Leben gerufene Kommission zur Prüfung jüdischer Entschädigungsansprüche. d. Red.) für eine Bande von Schuften halten, die im Dienst irgendeiner jüdischen Lobby stehen.“

          Der angesehene Historiker Pierre-Vidal-Naquet lehnte es ab, für die französische Ausgabe der „Holocaust-Industrie“ ein Vorwort zu schreiben. „Am besten, man schweigt über das Buch“, war sein Kommentar. Ein anonymer Leitartikler kritisiert die Unterstellungen in der Sprache Finkelsteins, der Historiker Philippe Burrin warnt vor den im Buch verbreiteten „Verschwörungstheorien“. Jean Birnbaum, der das Buch dem Leser der Zeitung vorstellt, hält sich mit einem Urteil zurück. Sein einziger Vorwurf: Finkelstein argumentiere undifferenziert. Die Beispiele, die er zitiert, sind wohlbekannt. So schreibt Finkelstein, die „Absurditäten der Holocaust-Industrie“ seien schuld daran, dass der Rassismus in Afrika oder der Völkermord an den Armeniern totgeschwiegen würden. Umgekehrt könnte man fragen: Hätten sich die Deutschen für Ruanda stärker interessiert, wenn „die Juden“ nach dem Krieg keine Ansprüche gestellt hätten?

          Schützenhilfe bekommt Finkelstein durch Raul Hilberg. Der Historiker ist der Verfasser des dreibändiges Werkes „Die Vernichtung der europäischen Juden“ und gehört zu den bedeutendsten Köpfen der Holocaust-Forschung.

          Hilberg bezweifelt die Angemessenheit der Reparations-Forderungen. „Die Schweizer Banken haben es akzeptiert, mehr als eine Milliarde Dollar zu zahlen“ - 1945 wären das nach seiner Rechnung 125 Millionen Dollar gewesen. „Waren alle Juden in der ganzen Welt in den 30-er Jahren, am Ende der Depression, überhaupt so reich?“, fragt Hilberg. „Das ist schwer zu glauben.“ Hilberg spricht auch die deutschen Entschädigungen für Zwangsarbeiter an, die „900 Millionen Dollar betragen“. Jeder Antragsteller bekomme 7.500 Dollar. „Das würde bedeuten, dass 120.000 ehemalige jüdische Zwangsarbeiter, wahrscheinlich die Hälfte der Überlebenden, noch am Leben wären.“ Hilberg zeigt sich skeptisch, dass diese Rechnung „realistisch“ sei. Finkelsteins Buch gehe in die „richtige Richtung“ und werde Nachfolger haben, prognostiziert der Holocaust-Forscher.

          Eine andere Frage ist, ob das Leiden und das Grauen überhaupt in Geld aufzuwiegen sind. Frankreichs Juden, angeführt von ihrem Zentralrat, gaben in der Vergangenheit auf diese Frage eine eigene Antwort. Sie halten die Entschädigungs-Forderungen weniger für „typisch jüdisch“ als für „typisch amerikanisch“. So sind in den USA Sammelklagen („Class Action Suits“), etwa gegen die Tabakindustrie, gang und gäbe. In der Drohung mit Sammelklagen prallten amerikanische und europäische Rechtspraxis aufeinander.

          „Le Monde“ vergleicht das Interesse an Finkelsteins Buch in verschiedenen Erdteilen und Staaten. Am gefragtesten ist es nach der Statistik eines elektronischen Buchversands in Südamerika und Österreich, in der Schweiz steht es in der Liste der Bestellungen an zweiter Stelle. Die Statistik lädt zu allerlei Auslegungen ein, die je nach Blickwinkel für die jüdische Seite, für die Leserschaft und für Finkelstein ungünstig ausfallen. Ein Zeichen, dass bei der Interpretion solcher Statistiken Vorsicht geboten ist.

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