https://www.faz.net/-gqz-2sdd

Gesellschaft : Die Spaßgesellschaft und ihre Folgen

  • -Aktualisiert am

Fun bis zum Abwinken - Karneval Erotica dieses Jahr in Berlin Bild:

Von „Big Brother“ bis in den Hörsaal: Zehn Autoren schildern „Verdummung“ in der Fun-Gesellschaft.

          4 Min.

          In der Neujahrsrede von Bundeskanzler Schröder zum Millennium fand sich ein bemerkenswerter Satz: „Wir (Sie) können nicht dasitzen und abwarten, was der Staat, was die Politik tun können.“

          „Was geht in einer Gesellschaft vor, in der ein solcher Satz gesagt werden kann, ohne dass das Groteske und die Absurdität der Aussage auch nur ansatzweise begriffen wird? Ohne dass gesehen wird, dass hier auf billigstem rhetorischem Niveau versucht wird, sich solidarisch anzubiedern und ein Wir-Gefühl herzustellen?“, fragt der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer. Er wundert sich über die seiner Meinung nach um sich greifende Kritiklosigkeit unserer Gesellschaft. Sind wir von Schröders Brioni-Anzügen schon so geblendet, dass wir ihm so etwas durchgehen lassen?

          Der „Studi“ will möglichst lange Kind bleiben

          In einem Buch, das dieser Tage erschienen ist, schildern Wertheimer und neun weitere Autoren, was ihnen an unserer Zeit missfällt. Ihr Unbehagen fassen sie in dem Wort „Spaßgesellschaft“ zusammen. Spaß ist für Wertheimer und seine Kollegen das Gegenteil von Kritikbewusstsein.

          Ein Ausdruck dieses Bedürfnisses nach Spaß bei wachsender Unlust an kritischer Ernsthaftigkeit ist die Tendenz zur Harmlosigkeit, ja zur Verkindlichung der ganzen Gesellschaft. Alle wollen niedlich, lieb und lustig sein - nur bloß nicht erwachsen, mündig und ernst.

          Dieses Sich-Klein-Stellen bemerkt Heinz Schlaffer auch im Hörsaal. Aus Studenten würden „Studis“, die sich vor nichts mehr fürchteten als vor dem Erwachsenwerden. Aus dieser Furcht könnte den Studi wohl nur die Aussicht erlösen, aus der Prüfung als „Magi“ oder „Doki“ hervorzugehen, schreibt Schlaffer so sarkastisch wie treffend.

          Die „Verdummung“ unserer Gesellschaft hat für Wertheimer und die Mit-Autoren viele Gesichter. Eines ist die Flucht vor dem Ernst des Lebens. Die einen fliehen in den Rausch der Lovparade, die anderen in die Dauer-Party von MTV und Viva. Ein anderes Gesicht der „Verdummung“ sind Talkshows, in denen über Themen wie „Mein Busen ist der schönste“, „Alle Frauen sind käuflich“, und „Euch Kanackis geht es viel zu gut“ gestritten wird. Hier hat das Triviale in den letzten Jahren neue Tiefpunkte erreicht.

          Große Klappe als Erfolgsfaktor

          Über „Verdummung“ lässt sich nicht schreiben, ohne das Fernsehen zu erwähnen. Das Fernsehen hat zum ersten Mal in der Geschichte dafür gesorgt, dass die Gescheiten in großem Stil neidisch auf die Dummen wurden. Während der Uni-Assistent ein Dasein als einsame graue Maus fristet und sich viele Jahre lang mühevoll „hocharbeiten“ muss, setzt sich mancher Unqualifizierte in einen Container und wird berühmt, wobei ihm schneller Reichtum und die Herzen zahlloser Verehrerinnen zufliegen.

          Über seine Auslesekriterien sorgt vor allem das Privatfernsehen dafür, dass rudimentäre Sprachbeherrschung, Platitüden oder einfach oberflächliche Information via Satellit global Verbreitung finden - und mit ihm die Denkstrukturen des Fernsehens. Das ist keine neue Einsicht, aber eine, an die Wertheimer zurecht erinnert.

          Dummheit in der akademischen Welt

          Weitere Themen

          „Married“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Married“

          Die Serie „Married“ läuft beim Pay-TV-Sender ProSieben Fun.

          Topmeldungen

          Christian Sewing und Martin Zielke (rechts)

          Nach Zielkes Rückzug : Sewing, übernehmen Sie!

          Es darf bezweifelt werden, dass die Commerzbank den Weg aus ihrer schwersten Krise alleine findet. Und so dürfte es mit Blick auf den Chef der Deutschen Bank bald heißen: Herr Sewing, übernehmen Sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.