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Gesellschaft : „Das Wichtigste für einen Deutschen ist er selbst“

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Pedantisch, geizig, langweilig: Was Russen über Deutsche denken, verrät die „Zeitschrift für Kulturaustausch“.

          Was Russen über Deutsche denken, hat der Diplom-Pädagoge Leo Ensel, Dozent an der Carl-von-Ossietzky-Universtiät in Oldenburg, vier Jahre lang im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht. Er befragte Germanistinnen und Germanisten, aber auch Verkäuferinnen, in Russland und Kasachstan nach ihren Deutschlandbildern. Ergebnis: Die Befragten halten Deutsche für egozentrisch, pedantisch, geizig und schlecht angezogen, aber auch für liebevolle Ehemänner.

          In der aktuellen Ausgabe der „Zeitschrift für Kulturaustausch“, die vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen, einer Mittlerorganisation der Auswärtigen Kulturpolitik, herausgeben wird, schildert Ensel die Ergebnisse seiner Studie.

          Einige der Urteile entsprechen den Klischees. Zunächst halten Russen die Deutschen für ordnungsliebend, was sie darin bestätigt finden, dass die Deutschen sogar noch ihren Müll sortieren. „Selbst den Hundedreck sammeln sie in Päckchen“, wundert sich eine Befragte. Ihre Landsleute findet die Russin allerdings auch nicht besser. Sie werfen ihren Müll in die Landschaft: Motto: „Hier ist eh schon alles dreckig.“

          Deutsche Frauen „schlecht gekleidet“

          Ansonsten gelten die Deutschen als zurückhaltend, unflexibel und langweilig und als schlecht gekleidet. „Deutsche Frauen schenken ihrem Äußeren zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie mehr Möglichkeiten haben als die Russinnen. Sie kleiden sich nicht elegant, sondern billiger als wir“, sagt eine Frau.

          Doch damit nicht genug: Die Deutschen gelten auch als sparsam bis geizig. „Während am Ende einer feuchtfröhlichen Kneipenrunde Russen und Kasachen untereinander wetteifern, wer die Rechnung bezahlen darf - Motto: „Die weite Seele kennt keine Sparsamkeit“ - sehen die Russen und Kasachen die Deutschen mühsam mit dem Taschenrechner beschäftigt, den präzisen Betrag für jeden einzelnen auszurechnen. Derlei Korrektheit kommentiert ein Kasache bitter: „Jeder zahlt für sich allein - jeder stirbt für sich allein.“

          Mangelnde Lockerheit diagnostizieren Russinnen und Kasachinnen ihren deutschen Geschlechtsgenossinnen. Eine 22-jährige russische Studentin aus der Schwarzerde-Region zitiert Ensel mit dem Satz: „Die streiten sich noch darüber, ob das Sternzeichen Wassermann besser in Wasserfrau oder in WassermännIein umbenannt werden muss.“

          Fleißig, pünktlich, geizig

          Ensel diagnostiziert zwei „völlige gegensätzliche Bilder“, die den Blick der ehemaligen Sowjetbürger auf die Deutschen bestimmten: Zum einen dominiere das wohlvertraute Bild von den, in der Sprache der Psychoanalyse gesprochen, „analen“ Eigenschaften der Deutschen, euphemistisch auch „preußische Tugenden“ genannt. Hier legten die Deutschen nach wie vor großen Wert auf Pünktlichkeit, sie arbeiteten fleißig und konzentriert, seien sparsam bis geizig und legten eine Ordnungs- und Sauberkeitsliebe an den Tag, die bisweilen schon starre, kaltherzige und selbstgerechte Züge annehme.

          Dieses klassische Deutschlandbild bekommt laut Ensel sowohl in Russland wie in Ksachastan besonders bei der jüngeren Generation der unter 30-jährigen Konkurrenz durch ein anderes Bild, das diesem diametral entgegen steht: das Bild der lockeren, hedonistischen und demokratischen Deutschen. Diese „bereisen als Touristen sämtliche Länder der Erde“ und legen mehr Wert auf sportlich-bequeme denn auf elegante Kleidung.

          Die neuen Deutschen seien sehr individualisiert und distanziert - „egozentrische Einzelgänger, die wenig Anteil am Leben anderer nehmen“. Eine 22-jährige Verkäuferin wird mit dem Satz zitiert: „Der wichtigste Mensch für einen Deutschen ist immer er selbst.“ Dazu passe, dass die Generationen in Deutschland kaum noch Kontakt miteinander hätten.

          Deutsche als Ehemänner nicht gefragt

          Von deutschen Männern haben Russinnen und Kasachinnen einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits finden sie es gut, dass in Deutschland die Geschlechterrollen aufgeweicht sind. Die Hausarbeit verrichteten in Deutschland Männer und Frauen gemeinsam, wenn nicht sogar der Mann es sei, der seine berufstätige Frau nach einem stressigen Arbeitstag liebevoll bekoche.

          Andererseits kreiden die Russinnen den deutschen Männern an, sie hätten verlernt, wie man sich einer Frau gegenüber benimmt - und nehmen es hier mit Geschlechterrollen sehr genau: „Ich kann nicht so geregelt leben wie in einem Krankenhaus. Außerdem habe ich keine Lust, im Restaurant mein Essen selbst zu bezahlen. In Russland ist das die Pflicht des Mannes! Ist doch klar, oder?“, sagt eine Verkäuferin in der Studie.

          Fazit: Anders als Deutsche meinen, können sich nur wenige Russinnen vorstellen, mit einem Deutschen verheiratet zu sein. Schade.

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