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Geschönte Theaterstatistik : Kreatives Zählen

Hat nach eigener Statistik mehr Besucher als die Bühne in der Landeshauptstadt: das Theater Vorpommern. Bild: dpa

Ein Provinztheater behauptet, mit knapp 200.000 Besuchern das beliebteste im ganzen Land zu sein. Ist es bei fantasievoller Zählweise auch. Jetzt gab eine Sprecherin die Peinlichkeit zu.

          Ein kleiner Streit im hohen Norden mitten in der Hochsaison: Das Theater Vorpommern mit seinen drei Häusern in Stralsund, Greifswald und Putbus hat seine Besucherzahlen für die letzte Spielzeit vorgelegt. Es ist ein Vier-Sparten-Theater mit philharmonischem Orchester, das in einer zwar dünnbesiedelten, aber sehr schönen Gegend spielt, die vor allem vom Ostseetourismus lebt. Dieses Theater Vorpommern beansprucht mit 191.000 Zuschauern nun, das beliebteste im ganzen Lande Mecklenburg-Vorpommern zu sein. So die Botschaft an die „Zuwendungsgeber“ im, mental gesehen, doch recht fernen Schwerin. Zumal die Landeshauptstadt dann weniger Theatergänger vorzuweisen hätte, was noch nie vorgekommen ist.

          Schwerins lange schuldenbelastetes, hochgeschätztes Haus ist gerade mit dem kleinen Theater Parchim zum „Mecklenburgischen Staatstheater“ mehr oder weniger leidenschaftlich fusioniert worden. Eine jenseits der Grenzen des armen, weiträumigen Bundeslandes mit gerade einmal 1,6 Millionen Einwohnern von den Kultureliten sehr beargwöhnte Rettungsaktion. Mathias Brodkorb, Kultusminister und für alle Reformen gern geschmähter Sündenbock, kann gut rechnen und meldete Zweifel am Zuschauerrekord an: Wieso haben die Pommern mehr Zuschauer als die Mecklenburger, aber nur halb so hohe Einnahmen? Gab es Freikarten ohne Ende, oder wurde jeder als theateraffin verbucht, der seinen Fuß, aus welchem Grund auch immer, über die Schwelle eines der Häuser setzte? Sind die Häppchenevents und launigen Cocktailempfänge von Lobbyisten und Firmen, für die gern mal ein hübsches Theater gemietet wird, dazugezählt worden?

          Wer weiß. Auf Nachfrage der „Neuen Musikzeitung“ hat eine Theatersprecherin nun zugegeben, dass sogenannte Saalvermietungen in die beeindruckende Statistik eingeflossen sind, die Theater hätten dafür schließlich Techniker und anderes Personal gestellt. Auch der (kostenlose) „Tag der offenen Tür“ wurde mitgezählt und die öffentlichen Proben, die lebhaften „Stralsunder Theatergespräche“ und Lesungen in den Stadtbibliotheken, wenn ein Mitglied des Theaters dort den Vorleser gab. Da kommt einiges zusammen. Wozu aber diese Zahlenakrobatik? Seit drei Jahren werden Fördergelder für die Theater nach der Zahl der Einwohner bemessen, denen die Kunst zugutekommen soll. Falls dieser Hase-und-Igel-Lauf um die meisten Zuschauer nicht mit alten Animositäten der zwangsverheirateten Mecklenburger und Vorpommern zu tun haben sollte, müsste es doch ein Leichtes sein, endlich der Kunst zu vertrauen, die es nicht nötig hat, geschönt zu werden.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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