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Geschlechterselektion : Nicht ohne eine Tochter

Der Machbarkeit foglt die Akzeptanz

Die Nachfrage sei groß gewesen, „doch religiöse Gruppen baten uns, es nicht zu tun“. Er zog das Angebot zurück. Die Zeit sei noch nicht reif dafür. Aber wer weiß, wie sehr sich die ethischen Maßstäbe in wenigen Jahrzehnten verschoben haben werden. Schon heute ist es in Amerika beispielsweise zulässig, dass gehörlose Eltern mit Hilfe der PID ein garantiert gehörloses Kind zur Welt bringen. Wer davon noch nie etwas gehört hat, schaut einen an, als erzähle man eine Horrorgeschichte.

Erinnern wir uns kurz an das Jahr 1978, als in Großbritannien das erste Retortenbaby geboren wurde. Die Empörung war enorm, von Designerbabys war die Rede, von Reagenzglaskindern ohne Seele. Auf solche Gedanken käme heute kein Mensch mehr. Der technologischen Machbarkeit folgt die gesellschaftliche Akzeptanz.

Es wäre anmaßend zu beurteilen, wie tief das Leid derjenigen ist, die einfach keine Tochter oder keinen Jungen zur Welt bringen und bereit sind, 20 000 Dollar für ihr Wunschkind auszugeben. Den Depressiven tröstet nicht, dass sein Nachbar krebskrank ist. Der Schmerz des Einzelnen kennt keinen Vergleich.

Die Enttäuschung minimieren

Eine Verfasserin mit dem Pseudonym 2Boys4Me zum Beispiel schreibt, sie sei den Anblick von Jungsspielzeug, Jungsklamotten und -zimmereinrichtungen einfach leid, sie ertrage das nicht mehr. Alle, wirklich alle um sie herum hätten mindestens eine Tochter. Ein Leben ohne Tochter scheint für sie absolut unvorstellbar.

Nun könnte man argumentieren, dass die Natur sich ohnehin nichts denke bei der Chromosomenkombination und der Zufall regiere - weshalb also sollte man ihr die Entscheidung überlassen, wenn man sie doch selbst nach eigenen Vorlieben und Sehnsüchten treffen kann, zumal man niemandem einen Schaden zufügt? Das ist die eine Seite.

Die andere ist, dass der Entscheidung für ein Mädchen oder einen Jungen die Entscheidung vorausgeht, überhaupt eine Geschlechtsauswahl treffen zu wollen. Der Trugschluss, der sich dahinter verbirgt, ist gefährlich: Es ist der Glaube, dass man durch die getroffene Entscheidung das Risiko einer Enttäuschung minimieren, ja, dass man es sogar ganz ausschalten könnte. Als wäre es bei Kindererziehung möglich, das Unvorhersehbare vorhersehbar und kontrollierbar zu machen.

Diktierter Lebenslauf

Immer wieder stößt man in Foren auf Frauen, die davon träumen, mit einer prinzessinnenhaften Tochter gleichzeitig eine neue beste Freundin mitgeliefert zu bekommen. In einem Beitrag von DRadio Wissen begründeten unlängst die Eltern zweier Mädchen ihren Wunsch nach einem Jungen damit, dass die Töchter nach der Heirat fortziehen würden, während ein Sohn das Geschäft des Vaters übernehmen und sich im Alter um sie kümmern werde - als wäre das bereits heute eine ausgemachte Sache.

Den Lebenslauf ihres Sohnes haben die Eltern also schon geschrieben. Ihre Liebe knüpfen sie auf diese Weise unbewusst an bestimmte Voraussetzungen - am Ende ist das Geschlecht nur das erste Glied in einer langen Kette von Erwartungen. Bedingungslose Liebe ist das Gegenteil davon.

Denn was passiert, wenn der Junge gar nicht in die Fußstapfen des Vaters treten möchte? Oder das Mädchen, das Mary Johnson und ihr Ehemann bekommen, hyperaktiv ist? Was geschieht, wenn es während der ersten Jahre nachts unentwegt schreit? Wenn es nicht nur den altersmüden Vater, sondern die komplette Familie in den Wahnsinn treibt? Wenn es sich nicht genderstereotypisch entwickelt oder bald schwer erkrankt und stirbt? Werden sich die Ehepaare nicht ihr Hirn zermartern und ewig mit ihrer Wahl hadern?

Im Moment der Entscheidung steigt das Enttäuschungspotential ins Unendliche. Solange die Natur für Fakten sorgt, muss man sich keine Vorwürfe machen und kann zumindest einen Teil der quälenden Gedanken von sich schieben. Nimmt man der Natur diese Aufgabe aber ab, ist das anders. Das „Schicksal“ fällt, als Erklärung oder Trost, dann aus. Im schlimmsten Fall nagt der Gedanke des Hätte-ich-nur ein Leben lang.

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