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Geschlechterrollen : Frauen, die Großwild jagen

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Andere sahen in den Höhlenmalereien sogar nichts weiter als die ungeschickten Versuche minderbemittelter Grobiane. Der Nationalsozialismus schließlich machte die Höhlenmalerei zum Schimpfwort. Als „prähistorische Kultur-Steinzeitler und Kunststotterer“ beschimpfte Adolf Hitler 1937 in seiner Eröffnungsrede zur Großen deutschen Kunstausstellung in München die ihm verhasste moderne Kunst, sie sollten in „die Höhlen ihrer Ahnen zurückkehren“. Dann kam es zum Glück anders. Zehn Jahre nach dem Krieg schrieb der amerikanische Künstler Barnett Newman seinen berühmten Artikel „Der erste Mensch war ein Künstler“. Die ehemals verfemte Moderne trat ihren Siegeszug an. Sie schulte Generationen, die Urzeitmalerei mit ihren Augen zu sehen, als frühe Picassos, Mirós oder Arps. Das moderne Kunstverständnis bereitete also den Boden für die Wertschätzung der Ahnen.

In gleicher Weise ermöglicht auch die aus dem Feminismus hervorgegangene Geschlechterforschung, einen anderen Blick auf die Vergangenheit zu werfen. Das zeigt der Begleitband zur Freiburger Ausstellung, in dem gut zwei Dutzend wissenschaftliche Aufsätze versammelt sind. Auch hier ein Beispiel: Abgebildet ist dort das Gemälde „Shoshone-Frau zu Pferd auf Bisonjagd“, das Alfred Jacob Miller, ein reisender Künstler, bereits 1837 malte. In weiteren Bildern dokumentierte er die jagenden Frauen der Shoshone-Indianer. Inzwischen liegen, wie Sybille Kästner schreibt, Daten über Wildbeuterinnen aus nahezu allen Weltregionen vor, die direkt oder indirekt an Klein- oder Großwildjagden teilnehmen.

Das hässliche Wort „gender mainstreaming“

Das heißt nicht, dass irgendeine dieser Gesellschaften heute wie Steinzeit-Menschen leben. Aber es heißt, dass Wildbeuter Frauen und Männer häufig anders einsetzen, als sich das lange in den Büros von Universitäten ausgemalt wurde. Kurzum: Schon als Ende der sechziger Jahre das Buch „Man, the Hunter“ erschien, das auf eine gleichnamige Konferenz zurückging, hätte man wissen können, dass diese einseitige Zuschreibung nicht haltbar war. Frauen haben in vielen Gesellschaften ebenfalls gejagt und tun es noch heute. Warum nicht auch in der Steinzeit? Umgekehrt dürften Männer auch gesammelt haben. Das aber interessierte die Forschung noch vor wenigen Jahrzehnten nicht.

Der Geschlechterforschung verdankt die Urgeschichte also neue Einsichten. Eine Neuerung hätte man ihr gerne erspart: das hässliche und vielgescholtene Wort „gender mainstreaming“, das in der Pressemitteilung zur Ausstellung angeführt wird. Wer hat sich bloß diese Bezeichnung ausgedacht? Das Wort klingt, als ob eine irre Behörde für Gleichmacherei am Werk wäre, dabei tritt Geschlechterforschung für das genaue Gegenteil ein: Sie plädiert dafür, nicht weniger, sondern mehr Unterschiede zu machen. Frauen und Männer sind nicht alle gleich - ebenso wenig, wie sich alle Männer gleichen oder alle Frauen.

„Es ist Unsinn, von ,der‘ Frau oder ,dem‘ Mann zu sprechen“, sagt Brigitte Röder mit Blick auf ihr Forschungsfeld. Natürlich spielt das Geschlecht zu allen Zeiten eine Rolle - ebenso wie Alter, Körpergröße, Stand, Gesundheit oder die Familienverhältnisse. Und natürlich wurden zu allen Zeiten die Kinder von Frauen geboren. Was das aber für das Zusammenleben bedeutet, kann von Gesellschaft zu Gesellschaft sehr verschieden sein.

Auch nach dieser Ausstellung wird man weiter über die Rollen der Geschlechter streiten. Das Niveau der Argumente könnte sich aber verbessern. Denn natürlich sind eben auch Werkzeugmacherinnen und Künstlerinnen - oder Frauen, die Bisons jagen.

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