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Geschlechterrollen : Frauen, die Großwild jagen

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Was aber ist dann keine Fiktion, kein Märchen? Kürzer als die kleine Freiburger Schau, die den Eingangsbereich und fünf Räume umfasst, kann man die Antwort nicht zusammenfassen. Und die lautet, die Steinzeit ist für Überraschungen gut. Nur drei Beispiele: Gezeigt werden die Skelette einer dreißigjährigen Frau und eines Säuglings aus der Jungsteinzeit, Fundort ist Stetten an der Donau. Bestattet wurden die beiden mit mehreren Grabbeigaben, darunter zwei geschliffene Knochenspitzen, eine Feuersteinklinge, ein Schleifstein und ein Schafknochen. Die Gegenstände lassen sich als Werkzeuge benutzen und mehr noch - Klinge und Schleifstein dienten selbst wieder zur Werkzeugproduktion. Kein Grab verrät, warum wer was als Beigabe erhielt. In diesem Fall gibt es aber weitere Spuren. Elle und Speiche der Verstorbenen weisen starke Veränderungen auf, Deformationen, die sich bilden, wenn man schwerer körperlicher Arbeit nachgeht - beispielsweise, weil man in Hockstellung mit Steinen Werkzeuge aus Tierknochen schnitzt. Es gibt also gute Gründe, anzunehmen, dass in Stetten an der Donau eine Werkzeugmacherin begraben wurde.

Der Handabdruck als Signatur?

Dem Bild der „Nesthüterin“ entspricht auch nicht, worauf Forscher im österreichischen Salzkammergut stießen, im berühmten vorgeschichtlichen Bergwerk von Hallstatt. Die Menschen, die dort in der Eisenzeit arbeiteten, also um 800 bis 450 vor Christus, wurden in nächster Nähe begraben - Männer, Frauen und etwa vierzig Kinder. Die Knochen aller Verstorbenen weisen Deformationen auf, die ein Beleg dafür sind, dass jeder von ihnen zu Lebzeiten schwere Lasten tragen musste. Die Funde zeigen, dass man nicht weit damit kommt, wenn man davon ausgeht, dass es schon immer typische Männer- oder Frauenberufe gab.

Noch ein letztes Beispiel aus Freiburg: Eine Vitrine dokumentiert die Analysen von Felsmalereien, die der Amerikaner Dean Snow und das britisch-spanische Forscherteam um Paul Pettitt durchführten. Im Zentrum stehen die Handschablonen, die sich in mehr als vierzig Höhlen Südwesteuropas finden. Wie sie hergestellt wurden, ist bekannt. Man legte die Hand auf den Fels, besprühte den Bereich mit dünnflüssigem Brei, in dem rote oder schwarze Pigmente gelöst waren. Zurück blieben die Umrisse, fünf Finger, ein Handballen. Wer sie gemacht hat? Vornehmlich Frauen. 75 Prozent der Abdrücke, so die Analyse, sind Frauenhände, einige stammen von Jugendlichen, nur wenige von erwachsenen Männern. Dieses Ergebnis ist insofern überraschend, als bisher selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass Männer die Bilder geschaffen hatten. Wenn aber der Handabdruck als eine Art Signatur diente? Wäre es möglich, dass vorwiegend Frauen der Steinzeit die Wände mit Figuren, Tieren oder Jagdszenen schmückten?

Werkzeugmacherin, Bergarbeiterin, Künstlerin - das klingt nach einer Wissenschaft im Wandel, und natürlich gibt es für die Neuausrichtung gesellschaftliche Gründe. Jede Zeit stellt andere Fragen, das jeweilige Wertesystem gibt viele davon vor. Was wäre die Forschung zur Höhlenmalerei etwa ohne die Entwicklung der modernen Kunst? Und was wäre die Urzeitforschung ohne den Feminismus und die archäologische Geschlechterforschung - ohne Forscher also, die sich mit den Rollen der Geschlechter im Wandel der Zeit beschäftigen?

Wildbeuterinnen in allen Weltregionen

Die Geschichte der Höhlenmalerei ist tatsächlich das beste Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Veränderungen Fenster für die Wissenschaft aufstoßen können und frischen Wind hineinbringen. Als 1879 die weltweit ersten Felsbilder in der Höhle von Altamira entdeckt wurden, hielten das nur wenige für einen bedeutsamen Fund. Kunsthistoriker, deren Maßstäbe an den Bildwerken der Antike geschult worden waren, konnten kaum etwas damit anfangen. Zu schematisch, zu wenig kunstvoll und meisterlich schienen diese Erzeugnisse der Vorfahren.

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