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Geschichtsmuseum : Herkules verzweifelt gesucht

Ein Museum, das nicht einfach zu bespielen ist - und internationale Kontakte verlangt: Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin Bild: Frank Röth

Regionalfürsten gibt es genug, aber ein Generalist, wie er in Berlin benötigt wird, ist nicht in Sicht: Im Deutschen Historischen Museum wird die Ernennung des Nachfolgers von Hans Ottomeyer zur Farce.

          Wenn man liest, dass die Intendanten von Landestheatern und städtischen Opernhäusern ihre Verträge zwei bis drei Jahre im Voraus abschließen, dankt man der Vorsehung, die dafür sorgt, dass zwischen Rhein und Oder kein Musentempel steuerlos im Strom der Zeiten treibt. Nun hat auch Klio, die Muse der Geschichte, ihren Tempel: das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin. Es erscheint unvorstellbar, dass die Politik den dortigen Leitungsposten, wenn er frei wird, nicht rechtzeitig besetzt. Und doch ist es wahr.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In zehn Tagen, am 15. März, steht das größte deutsche Geschichtsmuseum ohne Direktor da. An diesem Tag wird der bisherige Museumsleiter und Stiftungspräsident Hans Ottomeyer in den Ruhestand verabschiedet. Der Termin ist seit einiger Zeit absehbar gewesen, genauer: seit dem 1. September 2000. An diesem Tag hat Ottomeyer seinen Posten angetreten. Selbst bei sehr entspannter Suche hätte sich, so möchte man denken, binnen zehn Jahren ein Nachfolger für ihn finden lassen sollen. Warum also gibt es keinen?

          Die Findungskommission war nicht überzeugt

          Der Fehler, hört man von jenen, die es wissen müssen, liege im System. Seit Anfang vorletzten Jahres ist das DHM eine Stiftung, unter deren Dach wiederum die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sitzt. Ein Kuratorium, das aus je fünf Vertretern des Bundestages, der Bundesregierung und der Bundesländer besteht und dem ein wissenschaftlicher Beirat aus höchstens fünfundzwanzig Experten zuarbeitet, überwacht die Tätigkeit des Präsidenten und Museums-Chefs. Neben dem stetigen Mittelzufluss wird so zugleich die politische Kontrolle der Aktivitäten des Hauses gesichert. Nun gab es aber im Herbst 2009 Bundestagswahlen, durch die eine neue Regierung ins Amt kam. Deshalb musste sich der Stiftungsrat nach dem veränderten politischen Proporz neu konstituieren - und nach ihm der wissenschaftliche Beirat.

          Sammlung gestärkt, Austellungsbetrieb schleifen lassen: DHM-Präsident Hans Ottomeyer

          Ersteres geschah im Juli, Letzteres im September 2010. Inzwischen hatte man sich darauf geeinigt, die Stelle des DHM-Direktors nicht öffentlich auszuschreiben, sondern sie mit Hilfe einer Findungskommission zu besetzen; der Beirat wurde aufgefordert, Kandidaten für den Posten vorzuschlagen. Im Dezember 2010 befasste sich die achtköpfige Findungskommission, die aus je zwei Vertretern des Bundestags, der Bundesregierung, der Länder und des Beirats zusammengesetzt ist, zum ersten Mal mit den Vorschlägen. Dann lud sie fünf Kandidaten zu einer Vorstellungsrunde Ende Januar ein. Keiner von ihnen überzeugte die Kommission restlos. Eine zweite Vorstellungsrunde wurde angesetzt, abermals machte der Beirat Vorschläge, fünf von sieben Kandidaten wurden ausgewählt, sie sollen sich in der kommenden Woche präsentieren. Dann will die Kommission dem Stiftungsrat einen Vorschlag für die Ottomeyer-Nachfolge unterbreiten. Oder zwei.

          Wer so spät kommt, wirkt als Notlösung

          Es ist eine Geschichte, die man gut beim Zahnarzt erzählen kann, wenn das Betäubungsmittel für die Backenzahnextraktion ausgegangen ist. Nebenbei zeigt sich in ihr ein tiefes Manko föderalstaatlicher Kulturpolitik: Je wichtiger und folgenreicher ihre Entscheidungen sind, desto hilfloser wirken ihre Entscheidungsorgane. Die öffentliche Ausschreibung der DHM-Direktorenstelle wurde vermieden, weil sich, in den Worten des Kulturstaatsministers Neumann, dessen Ministerialdirektorin Ingeborg Berggreen-Merkel den Stiftungsrat leitet, „Persönlichkeiten mit der gewünschten herausgehobenen Qualifikation“ nicht von sich aus bewürben. Nun hat man fünf herausgehoben Qualifizierte angehört und für untauglich befunden. Die Politik wollte eine öffentliche Kandidatendebatte vermeiden. Stattdessen hat sie sie erst richtig entfacht.

          Der Fall offenbart zugleich ein Strukturproblem der deutschen Geschichtsmuseenlandschaft. Das DHM braucht einen international vernetzten, wissenschaftlich und politisch gleichermaßen versierten Leiter. Aber die Häuser in Nürnberg, Magdeburg, Mannheim, Bonn und Speyer, aus denen die Nachfolgekandidaten kommen, bringen nur Regionalfürsten mit scharf umgrenzten Interessen hervor. Ein Generalist, wie er in Berlin benötigt wird, ist nirgends in Sicht. Christoph Stölzl, der Gründungsdirektor des Museums, war ein Feuerkopf, der das Publikum mit provokanten Ideen begeisterte. Dem scheidenden Direktor Ottomeyer wird nicht ohne Grund vorgeworfen, er habe sich mehr um die Ergänzung seiner Sammlungen zum Industriezeitalter als um die Aktualisierung des Ausstellungsbetriebs gekümmert. Sein Nachfolger wird sowohl die Dauerausstellung als auch die laufenden Planungen grund-sanieren müssen. Das sind gleich zwei Herkulesaufgaben auf einmal.

          Die größte Hypothek des neuen Direktors, ob er nun am 15. März präsentiert wird oder nicht, bleibt der Zeitpunkt seiner Ernennung. Wer so spät ausgewählt wird, wirkt wie ein Kompromisskandidat. Einen Notnagel aber darf man dem DHM nicht wünschen.

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