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Documenta-Geschichte : Jahrgang 1955 und immer wieder jung: Die documenta - Lebenslauf Teil 1

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Spirale der Documenta-Neuigkeiten Bild: dpa

Die Geschichte der documenta beginnt 1955 als Wiedereinstieg in die Kunst der Moderne. FAZ.NET stellt Geschichte und Hintergründe dieser wichtigen Veranstaltung in drei Teilen vor.

          2 Min.

          Alle fünf Jahre pilgern Scharen von Menschen nach Kassel. Kassel? Ehemalige Hauptstadt des Königreichs Westfalen, nordhessische Metropole, beim Bombenangriff 1943 weitgehend zerstört, anschließend Zonenrandgebiet und architektonisch im 60er Jahre-Stil verschandelt. Was zieht die Menschen dorthin? Nur eines: die „documenta“ - eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die Ausstellung zeitgenössischer Kunst schlechthin.

          Zur ersten documenta 1955 kamen in nur zwei Monaten 130.000 Besucher, 22 Jahre später sind es 355.000, und den bisherigen Rekord stellte die letzte documenta X, 1997, mit gut 630.000 Besuchern auf. Wieso erhält diese Großausstellung eine solche Aufmerksamkeit? Ganz einfach - die Documenta ist einzigartig. Es ist die größte Kunstausstellung der Welt, die für jeden zugänglich die interessantesten Künstler ihrer Zeit präsentiert. Aber hier werden nicht nur Kunstwerke und Tendenzen gezeigt, sondern Stand und Stellung der Kunst in der Gesellschaft gespiegelt.

          Die Anfänge 1955

          Die documenta begann vor knapp 50 Jahren als kleiner Verein, den der Kasseler Maler und Akademieprofessor Arnold Bode gründete. Sein Ziel war es, die unter den Nazis diffamierte und ausgeblendete Kunst in Erinnerung zu rufen. Neben einer kleinen Architektur-Geschichte in Fotografien und einem Rückblick auf „40 Jahre Film“ hatte Bode 670 Werke von 148 Künstlern aus den Jahren 1905 bis 1955 ausgewählt und damit das größte Kunstereignis organisiert, das es bis dato in der Bundesrepublik gab.

          So sah es aus, so wird es wieder werden: Gedrängel bei der Documenta in Kassel
          So sah es aus, so wird es wieder werden: Gedrängel bei der Documenta in Kassel : Bild: dpa

          documenta 2, 1959

          Bode erfand die Documenta nicht als Periodikum, sondern als Aufarbeitungsforum, um die „heranwachsende Jugend“ mit der Geschichte der Moderne bekannt zu machen. Der Erfolg gab ihm Recht, und so folgte die zweite documenta 1959, die diesmal unter dem Motto „Kunst nach 45“ stand. „Die documenta befriedigt eines der wichtigsten geistigen Nachholbedürfnisse“ - so fasst es Friedrich Bayle im Katalog zur documenta 2 zusammen. Um einen Monat verlängert, zeigte Bode 1770 meist expressive und abstrakte Werke von 326 Künstlern an drei Ausstellungsorten. Diesmal waren - und darin lag die eigentliche Attraktion der Documenta 2 - auch erstmals US-amerikanische Künstler unter den Teilnehmern - ein megomanisches Projekt.

          documenta 3, 1964

          Zwar ist die documenta Mitte der 60er Jahre zur festen Institution geworden, aber Stadt Kassel und Land Hessen wollen sich noch nicht so recht für eine großzügige Finanzierung entscheiden. Nach fünf Jahren steht dann der Etat von 1,4 Mio. DM. Im Vorwort zum Ausstellungskatalog ist eine höchst prägnante Bestimmung der Kunst zu lesen: „... was das essentiell Künstlerische stets war und ist: Gestaltfindung und Versinnlichung imaginativer Wirklichkeiten“ (Hans Eckstein). Diese Separierung der Kunst aus dem gesellschaftlichen Raum zeigt allerdings erste Brüche. Bode inszeniert vorsichtig die Wechselbeziehung von „Bild und Skulptur im Raum“ und der Kunsthistoriker Werner Haftmann fügt neben seinem Schwerpunkt „Handzeichnungen“ und kinetische Objekte auch eine Abteilung „Randgebiete des Alltags“ ein. 1964 gehören erstmals auch Grafik und Design zum Ausstellungsprogramm, Ausstellungs- und Werbeplakate, aber das Plakat als Propagandamittel wird nicht thematisiert.

          documenta 4, 1968

          Die gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen ihre Wirkungen auf der nächsten documenta. Erstmals verzichten die Herren gänzlich auf die Meister der Moderne und setzen ausschließlich auf Zeitgenossen. Statt der Alleinauswahl durch Arnold Bode wird über die Künstlerliste ratsdemokratisch abgestimmt. In den anschließenden „Arbeitsausschüssen“ sitzen so namhafte Kunsthistoriker und Museumsleute wie Max Imdahl, Ernst Gomringer, Werner Schmalenbach, Werner Haftmann und Will Grohmann. Gezeigt werden Werke der Minimal - bis Pop Art, überlegt aber nicht realisiert wird der Einbezug von Kunsttheorie, experimentellem Film und Themen der Architektur. Dem Publikum allerdings ist die Veranstaltung zu unpolitisch, sie fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz der Ausstellung, die als „documenta der Händler“ kritisiert wird.

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