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Documenta ohne Verantwortung : Ich war’s jedenfalls nicht

Da sah sie jegliche Antisemitismus-Vorwürfe noch als haltlos an: Sabine Schormann bei der Presseeröffnung der Documenta XV am 15. Juni. Bild: EPA

Die Geschäftsführerin der Documenta 15 und deren Kuratoren Ruangrupa kommen nicht aus ihrer Wagenburg heraus. Stattdessen schiebt Sabine Schormann in einer offiziellen Erklärung den Schwarzen Peter weiter.

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          Die Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, hat ihren Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen in einer am Dienstagabend auf der Homepage der Weltkunstschau veröffentlichten Erklärung verteidigt und alles bestritten. Bereits im ersten Absatz fällt im Nebensatz, es sei von ihren Kritikern behauptet worden, „wir hätten zu wenig Maßnahmen eingeleitet“.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Das war keine Behauptung. Der Vorwurf war vielmehr, dass überhaupt keine konkreten Maßnahmen eingeleitet wurden. Wie sonst hätte es trotz der Warnungen über ein halbes Jahr hinweg etwa zur Aufstellung des Banners von Taring Padi im Zentrum Kassels kommen können, zum Zeigen der antiisraelischen Serie „Guernica Gaza“ und (bis zu dessen klammheimlicher Entfernung) eines unkommentierten Films zur japanischen „Rote Armee Fraktion“, die antisemitische Terroranschläge verübte?

          Schormann dagegen fährt in der Erklärung fort, es habe seit den ersten Vorwürfen im Januar viele Gespräche gegeben: mit den Kuratoren und Künstlern, externen Experten, dem Aufsichtsrat, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und auch dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Bis auf die Kuratoren- und Künstlerkollektive sowie Claudia Roth bestreiten das alle genannten Instanzen. Der Zentralrat der Juden hatte obendrein mit scharfen Worten im öffentlichen Kulturausschuss des Bundestags beklagt, von der Documenta-Leitung an keiner Stelle angefragt oder gar eingebunden worden zu sein.

          Man habe „Zensur befürchtet“

          Auch der als externer Experte vorgesehene Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, hatte jüngst sein Engagement aufgekündigt und ihr und den Organisatoren vorgeworfen, auf den Antisemitismus-Skandal nicht ausreichend reagiert zu haben. Schormann widersprach Mendel nun: „Diverse Darstellungen“ Mendels in Interviews könnten „von uns nicht nachvollzogen werden“: Man sei immer erreichbar gewesen, die Aufgaben seien klar kommuniziert worden.

          Kuratiert gemeinsam die documenta 15: das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa
          Kuratiert gemeinsam die documenta 15: das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa : Bild: Gudskul / Jin Panji

          Die Behauptung einer klaren Kommunikation der Aufgaben beißt sich jedoch mit Schormanns jetzt vorgebrachter Verteidigungslinie, die künstlerische Documenta-Leitung, also Ruangrupa, hätte wegen der zu bewahrenden „Kunstfreiheit“ ein externes Expertengremium seit Januar abgelehnt, weil sie „Zensur befürchtet“ habe. Das Kollektiv kann die Bedenken an die nicht einmal ihm vollständig bekannten 1500 bis 1700 Künstler kaum weitergegeben haben, wenn es diese gleichzeitig in ihrer Kunstfreiheit nicht beschneiden wollte.

          Muss sich politische Kunst nicht politisch kritisieren lassen?

          Ruangrupa sahen sich, heißt es in der Erklärung, „unter Generalverdacht gestellt und aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder auch ihrer sexuellen Orientierung diffamiert und zum Teil auch bedroht. Insofern gab es bereits im Januar eine deutliche Abwehrhaltung gegenüber Eingriffen in die Kunst.“ Der von Ruangrupa akzeptierte Banner Taring Padis mit seinen antisemitischen Motiven betreibt aber genau diese Diffamierung aufgrund von jüdischer Herkunft in Verbindung mit Hautfarbe und Religion – anhand von Schläfenlocken, Hakennase, gelber Farbe und Verfemung durch einen Schweinekopf. Ähnlich schwer wiegt eine andere Ächtung aufgrund von Herkunft: Mindestens vierundachtzig Teilnehmer der Documenta hätten BDS-Aufrufe zum Israel-Boykott unterschrieben, wie die „Welt“ nachgezählt hat, darunter siebzehn aus der künstlerischen Leitung, deren Assistenz, der Programmkoordination sowie dem Beirat.

          Das Banner sei, so Schormann, nicht gleich abgebaut worden, weil man erst mit den Kuratoren und den Künstlern habe sprechen wollen. Eine Entfernung des Werks gegen deren Willen wäre ein erheblicher Eingriff in die künstlerische Freiheit gewesen.“ Man habe das Bild strafrechtlich prüfen lassen und sei zu dem Schluss gekommen, dass „im Rahmen der üblichen juristischen Vorsicht keine Strafbarkeit gegeben ist“. Auch dies sehen Juristen wie Peter Raue anders.

          Dass nach Abbau erneut gefordert wurde, externe Experten „mit Entscheidungsbefugnissen“ sollten die Ausstellung überprüfen, habe „das Vertrauensverhältnis zu ruangrupa und den Künstler*innen enorm belastet“, schreibt Schormann. Dass es dem Gremium möglich sein soll, Künstler auszuladen, hätten Ruangrupa „als (Selbst-)Zensur“ verstanden. Ein Gremium mit solch weitreichender Befugnis war aber nie gefordert. Es ging um das Identifizieren problematischer Werke wie eben dem antisemitischen Banner, eine unbedingte Pflicht der Documenta-Leitung im Vorfeld, der offenkundig weder die Generaldirektorin noch Ruangrupa nachkamen.

          Am Freitag soll es in Kassel eine außerordentliche Sitzung des Documenta-Aufsichtsrats unter dessen Vorsitzenden Christian Geselle, Oberbürgermeister der Stadt Kassel, geben. Wie der Sprecher der hessischen Kultur- und Kunstministerin Angela Dorn gegenüber dieser Zeitung mitteilte, werde diese Sitzung eine Gelegenheit sein, „sich mit Schormanns Antworten auseinanderzusetzen“. Auch der hessische Ministerpräsident Boris Rhein, der vorige Woche von einem „enormen Schaden“ für die Documenta durch den Eklat gesprochen und betont hatte, dass die Kunstfreiheit in Bezug auf Antisemitismus klare Grenzen habe, äußerte sich gleichlautend: Rhein zufolge gelte es jetzt, die „Beratungen des Aufsichtsrats und die Ergebnisse abzuwarten“.

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