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Germanwings-Absturz : Der kalte Hass des Narzissten

  • -Aktualisiert am

Französische Gendarmen räumen die Absturzstelle des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen. Bild: Reuters

Was treibt einen Piloten dazu, sich selbst und 149 Menschen zu töten? Eine Depression allein kann es nicht sein. Hinter einer solchen Tat stecken ganz andere Beweggründe. Ein Gastbeitrag.

          Die Trauer um die Opfer des Absturzes von Flug 4U 9525 sollte uns nicht von dem Versuch abhalten, das schreckliche Verbrechen zu verstehen. Die Tat muss psychologisch analysiert werden, auch wenn es immer nur Anhaltspunkte geben kann und Einschätzungen immer Unsicherheiten enthalten. So fehlen zwar genaue Angaben zur Lebens- und Behandlungsgeschichte von Andreas Lubitz, doch lassen die konkreten Handlungsumstände Schlüsse zu. Man sucht vielleicht immer noch voreilig nach Erklärungen, aber wir brauchen diese, um nicht im Unfassbaren zu versinken.

          Aus psychologischer Sicht ergibt sich, dass kalter Hass und narzisstische Wut das Leben so vieler Menschen vernichteten und die Hoffnungen so vieler Angehöriger zerstörten. Nach allem, was wir wissen, handelte Andreas Lubitz ausgeglichen und mit klarem Verstand. Mehrere Ärzte bemerkten in den Tagen und Wochen vor der Tat keine Selbst- und Fremdgefährdung, sonst hätten sie auch aus juristischen Gründen handeln müssen. Der Paragraph 34 Strafgesetzbuch erlaubt ihnen in einem solchen Fall nicht nur, sich über die Schweigepflicht hinwegzusetzen, sondern verpflichtet sie zu handeln. Angesichts von dreißig Prozent der Bevölkerung, die nach dem Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts 2011 irgendwann einmal im Leben psychische Probleme haben, die man als krankhaft ansieht, kommt dies sehr selten vor. Etwa zehntausend Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland das Leben. Ein erweiterter Suizid, in dem der Depressive nahe Angehörige in einer ihm ausweglos erscheinenden Situation nicht zurücklassen möchte, ist sehr selten.

          Eine schwere Störung war wohl nicht offensichtlich

          Andreas Lubitz hatte den selbstmörderischen Mord lange und umsichtig geplant. Auch am Tag der Tat flog er mit seinen Kolleginnen und Kollegen nach Barcelona und schien keine besorgniserregenden Verhaltenweisen zu zeigen. Noch kurz vor der Katastrophe wirkte er so besonnen und ausgeglichen, dass der Pilot ihm das Flugzeug zur alleinigen Steuerung anvertraute. Mit anderen Worten: eine schwere psychische Störung, die die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit von Andreas Lubitz aufhob, scheint nicht offensichtlich gewesen zu sein.

          Eine Vielzahl psychischer Störungen sind denkbar, die solche Gewalttaten begünstigen. Am häufigsten ist die Enthemmung bei entsprechend anfälligen Personen durch Alkohol. Dafür existieren in diesem Fall keine Hinweise. Weniger häufig, aber durchaus möglich wären Einflüsse durch andere Drogen. Auch diese hätten sich im Verhalten zeigen müssen.

          Die Aggressivität richtet sich in der Regel nach innen

          Wesentlich seltener werden Straftaten durch akute schizophrene Psychosen und organische Hirnerkrankungen gebahnt. Wenn sie so schwer ausgeprägt sind, dass sie die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit beeinträchtigen, werden sie in der Regel nicht nur von Ärzten, sondern auch von Angehörigen sowie Kolleginnen und Kollegen erkannt. Auch die zuletzt genannten Erkrankungen scheinen nicht vorgelegen zu haben.

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