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Germanistenlexikon : Günter Grass: Wir waren keine Hellseher

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Günter Grass Bild: dpa

Das "Internationale Germanistenlexikon" hat für Unruhe gesorgt. Wir wissen nun, daß namhafte deutsche Geisteswissenschaftler in jungen Jahren Mitglied der NSDAP waren. Jetzt äußerte sich Günter Grass zur Debatte.

          Noch vor seinem eigentlichen Erscheinungstermin hat das von Christoph König herausgegebene "Internationale Germanistenlexikon" für Unruhe gesorgt. Wir wissen jetzt, daß Walter Jens, Walter Höllerer, Peter Wapnewski und andere namhafte deutsche Geisteswissenschaftler in jungen Jahren Mitglied der NSDAP waren. Über die Gründe für diese Mitgliedschaft ist dagegen wenig bekannt. Günter Grass, Jahrgang 1927, hat aus seiner einstigen Verführbarkeit durch Nazi-Parolen nie ein Hehl gemacht. Am Rande einer Gedenkveranstaltung für seinen im Mai verstorbenen Freund und Förderer Höllerer in Sulzbach-Rosenberg äußerte er sich zu der durch Königs Lexikoneinträge ausgelösten Debatte.

          Ihr verstorbener Freund Walter Höllerer ist in jüngster Zeit ins Gerede geraten durch eine Bemerkung in dem gerade erschienenen Marbacher Germanistenlexikon von Christoph König. Höllerer soll, wie auch Arthur Henkel, Walter Jens und Peter Wapnewski, Mitglied der NSDAP gewesen sein. Hat Sie diese Information überrascht? Gehört sie überhaupt in ein Lexikon?

          Mich hat empört, mit welcher geschliffenen und eingeübten "Spiegel"-Häme das Ganze an die Öffentlichkeit gebracht worden ist. Dann frage ich mich: Wenn Herr König in der Tat Germanist ist, wie kommt er dazu zu sagen, Walter Höllerer und Walter Jens seien Germanisten gewesen während der Nazi-Zeit. Sie sind nicht einmal zum Studium gekommen! Walter Höllerer war im Jahr 1942 neunzehn Jahre alt. Er ist nach dem Krieg genau wie Walter Jens im Bereich der Literatur zu einer hervorragenden Person geworden - durch Leistung. Die zählt für mich zuallererst. Ich bin fünf Jahre jünger als Walter Höllerer. Bei Kriegsende war ich zwar siebzehn Jahre alt, aber bis heute nagt an mir, daß ich als Fünfzehn-, Sechzehnjähriger nicht den hellen Blick gehabt habe, das Verbrecherische dieses Systems zu durchschauen. Ich kann nicht ausschließen, daß ich, wenn ich fünf Jahre älter gewesen wäre, wahrscheinlich auch irgend so einen Schrieb unterzeichnet hätte. Zumal im Jahre 1942 die Euphorie in Deutschland nach all den Siegen - Polen, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Balkan, Griechenland, Kreta, Rußland und, auch noch 1942, die große Kaukasus-Offensive - die jungen Menschen begeistert hat.

          Wir wollen offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, daß die NSDAP vom Alter ihrer Mitglieder her eine sehr junge Partei gewesen ist. Und daß bei Hitlers Machtergreifung fast alle Universitäten schon von den nationalsozialistischen Studentenverbänden bestimmt wurden. Das gehört zu dieser Zeit. Wenn man über sie urteilt, dann muß man tolerieren und anerkennen, daß alle, die diesen Jahrgängen angehört haben, sofern sie's überlebt haben, die Chance hatten, etwas daraus zu machen. Das trifft auf Walter Höllerer, auf Wapnewski, auf Walter Jens zu. Ich finde es einfach jämmerlich, wie man sich an ein paar dürre Fakten hält, von denen ich immer noch nicht weiß: Ist das mit Einwilligung geschehen oder nicht? Damit kann man nicht ein Leben zudecken!

          Wie erklären Sie sich die Reaktion der Betroffenen, die teils diese Geschichte ganz ableugnen, teils sich nur Stück für Stück allmählich an sie erinnern wollen? Was ist das für eine Haltung?

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