https://www.faz.net/-gqz-8xem9

Gewalt im „Schlawinchen“ : Eine Kreuzberger Nacht vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Täter Olaf D. stellte die Nervensäge mittels Körperverletzung ruhig. Bild: Illustration Burkhard Neie

Im „Schlawinchen“ endet die Nacht eigentlich nie. Was in der Kreuzberger Kneipe beginnt, endet aber zuweilen vor Gericht.

          4 Min.

          Kreuzberger Nächte sind lang. Nirgendwo weiß man das besser als in der Kneipe „Schlawinchen“ in der Schönleinstraße. Streng genommen dauert dort eine Kreuzberger Nacht des Jahres 1979 noch immer an. Damals machte das „Schlawinchen“ auf. Seitdem hat es nicht wieder geschlossen. Und so wie das staubige Gerümpel die Decke und Wände des Ladens ziert – Wanduhren, Schilder und Modellschiffe; Registrierkassen, Kaffeemaschinen, ein Grammophon, eine Tuba, ein Motorrad –, so spült es hier auch Menschen zueinander, die eben noch in verschiedenen Winkeln der Nacht unterwegs waren und die nur eines eint – der Alkoholpegel jenseits des Alltags.

          Das „Schlawinchen“ ist der Ort, an dem sie alle landen, wenn der Himmel wieder heller wird und alle übrigen Pforten sich schließen, das „Schlawinchen“ ist der Ausgangsbereich jeder Nacht, und oft geht die Party dann erst richtig los. Im „Schlawinchen“ gelten andere Regeln als drumherum, es ist das Yin im Yang, es ist das umgekehrte Abbild der Welt in einer Camera obscura: Hier darf und kann nur sein, wer im Rausch ist, hier torkeln Gestalten aller Herkünfte durcheinander, jeder ist mit jedem im halben Gespräch, die zwangssinnhafte Welt da draußen findet hier drinnen nicht statt – ab und zu kommt es zu kaum vorhersehbaren Eruptionen. Schnell hat man einander beleidigt oder meint, beleidigt worden zu sein, rasch schaukelt sich die allgemeine trunkene Beschwingtheit zu einer diffusen Handgreiflichkeit hoch, im „Schlawinchen“ wird dann weniger gedacht als gehandelt.

          Eine „Schlawinchen“-Geschichte

          Hier, in diesem dunklen Theater, zu dirigieren, dazu braucht es starke Nerven und eine Berliner Klappe, da braucht es feine Antennen, viel Erfahrung und zum Eingreifen den robusten Entschluss. Viel ist schon passiert im „Schlawinchen“, manches mehr gottlob! verhindert worden, und wenn jemand die zechenden Helden eher zu früh als zu spät vor die Tür setzt, dann ist das die Barfrau Petra. Doch selbst Petra kann nicht alles kommen sehen. Dinge können sich, aus dem Nichts kommend, rasant entwickeln im „Schlawinchen“, und deswegen war Petra dem aktenkundigen Geschehen des 16. Oktober 2016 nahezu machtlos ausgeliefert.

          Eigentlich war die Samstagnacht gut gelaufen bis dahin, die Draußenwelt schob bereits Sonntagnachmittagsdienst, Petra war froh, dass der Vollmond überstanden war. Denn auch wenn immer alles möglich ist im „Schlawinchen“, weiß Petra: Wirklich brenzlig sind die Vollmondwochenenden. Vielleicht hätte sie jetzt, im Moment der inneren Entwarnung, wachsamer denn je sein müssen, doch da war es auch schon passiert, in Petras Augenwinkel: Aufregung, Gepolter. Und beim ersten Hinsehen stand da, wie aus dem Boden heraufgebrochen, mächtig und unverrückbar, ein tätowierter Hüne von Mann, den Arm ausgestreckt, die gewaltige Hand tief in den Hals eines anderen, kleineren Mannes gekantet, der Quartalsnervensäge Max. Max sah nicht gut aus, da konnte er noch so sinnlos zappeln, da konnte man lospoltern, den Hünen zur Besinnung zu brüllen versuchen, wie es einige der Anwesenden am Stammhirn taten, da konnte man, wie Petra, ihn anspringen, den Berg von Mann – nichts zu wollen.

          Sehr ruhig, sehr konzentriert drückte der Gigant weiter zu, derweil Maxens Augen sich zum Trödelkram an der Decke drehten, derweil das Bewusstsein aus ihm wich. Alles, was Petra tun konnte für den Moment, war, den leblosen Körper provisorisch zu Boden zu betten und dann loszugehen auf den Hünen Olaf D., der mit seinem Werk nicht unzufrieden schien: Der habe genervt, ließ er wissen, und damit hatte er vielleicht nicht einmal unrecht. Auch Petra erinnert sich vor Gericht, wie Max gerne das große Wort schwang, wie er sich anderen Gästen gegenüber unaufgefordert als Chef vom „Schlawinchen“ aufspielte; wie er ihr und den Kolleginnen meinte ihren Job erklären zu können.

          Selbst der Strafrichter des heutigen Prozesses zeigt sich vom Geschädigten nachhaltig beeindruckt, nachdem der einfach nicht erschienen ist. Er habe ihn angerufen, lässt er nach einer Verhandlungspause wissen, und Max habe keine Lust gehabt zu erscheinen, er habe sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen, und auf eine erstaunliche Art und Weise unfreundlich sei er gewesen. Der Hüne Olaf D., heute Angeklagter, ergänzt: Er habe den gar nicht gekannt. Man habe gequatscht, dann auf der Toilette eine Linie geteilt. Später habe der ständig versucht, ihn in eine Schlägerei hineinzulabern: Jemand habe Olaf, den Hünen, beleidigt. Das habe Olaf mit dem Verdächtigen persönlich geklärt, und der habe glaubhaft seine Unschuld versichert. Dabei aber habe Max es nicht bewenden lassen wollen, immer weiter habe er ihn gepiesackt, und das mit der Beleidigung – da sei ihm eine Erinnerung hochgekommen, wie er als Fünfzehnjähriger im Gefängnis Rummelsburg missbraucht worden sei, alle Erinnerungen seien wieder da gewesen, die Toilette, die Gerüche. Auch habe er, mit langjähriger Securityerfahrung, an seinem Gegenüber so eine bestimmte Körperspannung wahrgenommen, ihm gut bekannt als der Vorbote der Keilerei. Da hat er Max ausgeknipst. Töten wollen habe er ihn natürlich nicht. Nur ruhigstellen, den Griff habe er mal bei einem Kollegen gesehen.

          So schildern auch alle Zeugen die unwirkliche Szene: Wie der Koloss dem Kleinen ganz sachlich die Luft abdrückte, wie er vielleicht ja sogar innerlich die Sekunden zählte, da man länger als eine Minute nicht zudrücken soll, andernfalls Hirnschäden drohen; wie er dann, nach vollbrachter Tat, jedem sagte: Er wisse genau, was er tue. Der stehe in ein paar Minuten wieder auf und wisse von nichts mehr. Wie Petra ihn dann zur Schnecke machte, was er stoisch über sich ergehen ließ, nur seine Jacke habe er noch finden wollen, vorher aber fand ihn schon die Streife, die war gleich ums Eck in der Dieffenbachstraße gewesen – vielleicht war es den Polizisten auch nicht geheuer, wie folgenlos der Vollmond im „Schlawinchen“ bislang geblieben war. So wurde Olaf D. ins Polizeiauto verfrachtet, neun Monaten Haftstrafe auf Bewährung entgegen, und Max, der voraussagegemäß Wiedererwachte, fuhr im Krankenwagen davon. Die anwesenden Studenten, Touristen und Bonvivants nahmen es als eine weitere „Schlawinchen“-Geschichte gern in ihren Erinnerungsfundus auf, dann dauerte es noch eine unbestimmbare Weile, bis die Wogen sich runterpegelten, die Musik wieder lief und alles im Gemurmel und Geklingel seiner Wege ging, im „Schlawinchen“ in der Schönleinstraße, wo die Kreuzberger Nacht niemals aufhört.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat und Bundesminister der Finanzen und Christian Lindner, Fraktionsvorsitzender und Parteivorsitzender der FDP, am 15. Oktober in Berlin.

          Regierungsbildung in Berlin : Sieht so der Aufbruch aus?

          Die Spezialität der Sondierer von SPD, Grünen und FDP scheinen bisher vor allem Worte zu sein. Ein Aufbruch verlangt aber Taten.
          Klare Sache: Serge Gnabry (links), Leon Goretzka und der FC Bayern lassen aufhorchen.

          5:1 in Leverkusen : FC Bayern sorgt für Bayer-Debakel

          Fünf Tore in einer Halbzeit: Bayer Leverkusen geht gegen den FC Bayern unter. Die Münchner übernehmen damit wieder die Tabellenführung – und ärgern sich am Ende dennoch über ein Gegentor.
          90 Prozent der Polen haben sich in neuen Umfragen für den Verbleib in der EU ausgesprochen.

          Polexit-Pläne : Kampf gegen die „Besatzer“ aus Brüssel

          Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts ist die Lage in Polen ernst. Regierungspolitiker spielen mit der Idee eines unabhängigen Polens, dabei profitiert das Land von der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.