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Gewalt im „Schlawinchen“ : Eine Kreuzberger Nacht vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Täter Olaf D. stellte die Nervensäge mittels Körperverletzung ruhig. Bild: Illustration Burkhard Neie

Im „Schlawinchen“ endet die Nacht eigentlich nie. Was in der Kreuzberger Kneipe beginnt, endet aber zuweilen vor Gericht.

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          Kreuzberger Nächte sind lang. Nirgendwo weiß man das besser als in der Kneipe „Schlawinchen“ in der Schönleinstraße. Streng genommen dauert dort eine Kreuzberger Nacht des Jahres 1979 noch immer an. Damals machte das „Schlawinchen“ auf. Seitdem hat es nicht wieder geschlossen. Und so wie das staubige Gerümpel die Decke und Wände des Ladens ziert – Wanduhren, Schilder und Modellschiffe; Registrierkassen, Kaffeemaschinen, ein Grammophon, eine Tuba, ein Motorrad –, so spült es hier auch Menschen zueinander, die eben noch in verschiedenen Winkeln der Nacht unterwegs waren und die nur eines eint – der Alkoholpegel jenseits des Alltags.

          Das „Schlawinchen“ ist der Ort, an dem sie alle landen, wenn der Himmel wieder heller wird und alle übrigen Pforten sich schließen, das „Schlawinchen“ ist der Ausgangsbereich jeder Nacht, und oft geht die Party dann erst richtig los. Im „Schlawinchen“ gelten andere Regeln als drumherum, es ist das Yin im Yang, es ist das umgekehrte Abbild der Welt in einer Camera obscura: Hier darf und kann nur sein, wer im Rausch ist, hier torkeln Gestalten aller Herkünfte durcheinander, jeder ist mit jedem im halben Gespräch, die zwangssinnhafte Welt da draußen findet hier drinnen nicht statt – ab und zu kommt es zu kaum vorhersehbaren Eruptionen. Schnell hat man einander beleidigt oder meint, beleidigt worden zu sein, rasch schaukelt sich die allgemeine trunkene Beschwingtheit zu einer diffusen Handgreiflichkeit hoch, im „Schlawinchen“ wird dann weniger gedacht als gehandelt.

          Eine „Schlawinchen“-Geschichte

          Hier, in diesem dunklen Theater, zu dirigieren, dazu braucht es starke Nerven und eine Berliner Klappe, da braucht es feine Antennen, viel Erfahrung und zum Eingreifen den robusten Entschluss. Viel ist schon passiert im „Schlawinchen“, manches mehr gottlob! verhindert worden, und wenn jemand die zechenden Helden eher zu früh als zu spät vor die Tür setzt, dann ist das die Barfrau Petra. Doch selbst Petra kann nicht alles kommen sehen. Dinge können sich, aus dem Nichts kommend, rasant entwickeln im „Schlawinchen“, und deswegen war Petra dem aktenkundigen Geschehen des 16. Oktober 2016 nahezu machtlos ausgeliefert.

          Eigentlich war die Samstagnacht gut gelaufen bis dahin, die Draußenwelt schob bereits Sonntagnachmittagsdienst, Petra war froh, dass der Vollmond überstanden war. Denn auch wenn immer alles möglich ist im „Schlawinchen“, weiß Petra: Wirklich brenzlig sind die Vollmondwochenenden. Vielleicht hätte sie jetzt, im Moment der inneren Entwarnung, wachsamer denn je sein müssen, doch da war es auch schon passiert, in Petras Augenwinkel: Aufregung, Gepolter. Und beim ersten Hinsehen stand da, wie aus dem Boden heraufgebrochen, mächtig und unverrückbar, ein tätowierter Hüne von Mann, den Arm ausgestreckt, die gewaltige Hand tief in den Hals eines anderen, kleineren Mannes gekantet, der Quartalsnervensäge Max. Max sah nicht gut aus, da konnte er noch so sinnlos zappeln, da konnte man lospoltern, den Hünen zur Besinnung zu brüllen versuchen, wie es einige der Anwesenden am Stammhirn taten, da konnte man, wie Petra, ihn anspringen, den Berg von Mann – nichts zu wollen.

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