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Schwerer Raubüberfall vor Gericht : Die Zigarette schmeckt ihnen nicht

  • -Aktualisiert am

Sieht so eine Zigarette aus, die mit dem Fuß ausgetreten wurde? Bild: Burkhard Neie

Landgericht Berlin, Saal 739, Strafkammer 38: In einem Immobilienbüro ereignet sich ein schwerer Raubüberfall. Und was passiert? Alle streiten über die richtige Deutung einer Zigarettenkippe.

          Im Fernsehen ist das immer so: Wenn jemand überfallen und gefesselt wird, und der Plot will aber, dass er freikommt, ehe der Oberbösewicht seinen großen Motivationsmonolog zu Ende gehalten, seinen Schergen den Exekutionsbefehl gegeben hat, dann ist der Überfallene locker mit Seilen gefesselt, und er lehnt an einem Pfosten, aus dem eine Scherbe ragt, oder er zupft irgendwie noch das kleine Geheimmesser aus dem Stiefelschaft und schafft es, sich im letzten Moment freizumachen und den Bösen Saures zu geben.

          Will das Drehbuch aber, dass der Gefangene gefangen bleibt, und soll seine Lage sinnfällig ausweglos erscheinen, haben die Bösewichter allemal Kabelbinder benutzt, kleine praktische Helfer aus praktisch unzerstörbarem Plastik, die aus der Ikonographie der Gefangenenbehandlung spätestens seit Guantánamo kaum noch wegzudenken sind: Ritsch, rasten sie ein, wenn man sie ums Handgelenk gebunden bekommt, von da an ist kein Gedanke mehr an ein Entkommen, und zum lästigen Gefangensein kommt auch noch die Demütigung, dass man sich wie eine Ware abgepackt fühlen darf.

          Raubüberfall im Immobilienbüro

          Für Momente geht es wohl auch Herrn Pönitz in Berlin-Rudow so, nachdem der telefonisch angekündigte Termin in seinem Immobilienbüro sich, kaum dass Herr Pönitz zur Begrüßung aufstehen will, als Raubüberfall entpuppt. Zwei Männer hinter Karnevalsmasken bedrohen ihn mit je einer Pistole, und zielstrebig drängen sie ihn in den hinteren Raum, in dem Herr Pönitz’ Partner eine Spielautomatenfirma betreibt. Dort wird Herr Pönitz mit Kabelbinder an eines der Stahlregale gefesselt, er sieht den Räubern zu, wie sie den Tresor um ungefähr fünftausend Euro erleichtern, sieht sie davonstürmen. Probiert seine Kabelbinderfessel. Und die geht wie von selbst auf. Man kann die nämlich auch falsch herum zusammenstöpseln, vor allem, wenn man beim Überfallen durch die Maske hindurch nach Alkohol riecht.

          Herr Pönitz kennt jetzt nichts. Sonntag Nacht erst haben sie versucht, bei ihm einzubrechen, und haben es nicht geschafft, man konnte dies hinterher auf den Bildern aus der Überwachungskamera betrachten. Jetzt haben sie das Geld also doch! Herr Pönitz kennt wenig Angst vor den Karnevalisten und stürmt hinter ihnen her, um ein, zwei Ecken herum, da springen sie in einen dunkelblauen VW-Cabrio. Und fahren los. Herr Pönitz sieht ihnen nach und merkt sich das Kennzeichen.

          Eine Zigarettenkippe in Tatortnähe

          Eine Stunde später möchte der Polizeibeamte Drews Spuren sichern. Herr Pönitz hat beneidenswert gut Auskunft geben können zu dem Überfall, die Personenschilderungen waren präzise, den Tätern konnte ein Berliner Dialekt abgelauscht werden – eher selten in diesem Metier, wie Herr Drews weiß, der sich eine Zeitlang intensiv mit schwerem Raub befasst hat: Für gewöhnlich herrschen da ausländische Akzente vor. Nun zeigt der Überfallene Herrn Drews den Weg, den die beiden Maskierten zur Flucht nutzten, hier um ein Eck, da um ein anderes Eck, dort stand das Fluchtfahrzeug, dessen Halter die Polizei mittlerweile identifiziert hat. Herr Drews kennt sich aus im Überfallwesen, es ist durchaus nicht selten, dass die Täter auf der Flucht Gegenstände verlieren. Wo der Wagen stand, wird er fündig: Es liegt dort eine Mütze auf dem Grünstreifen neben dem Parkhafen, die sackt er ein. Noch viel mehr interessiert ihn allerdings eine Zigarettenkippe, die frisch zu sein scheint. Er sammelt auch die ein. Jetzt liegt sie im Gerichtssaal, gutgelaunt hat der beisitzende Richter sie aus einem Briefumschlag kullern lassen, behutsam trägt er sie jetzt auf einem Din-A4-Papier durch den Raum.

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