https://www.faz.net/-gqz-99gv5

Schröder stiftet Fenster : Im Auftrag des Herrn

  • -Aktualisiert am

Den Altkanzler Gerhard Schröder und Künstler Markus Lüpertz verbindet eine lange Freundschaft. Bild: dpa

Der Altkanzler stiftet der Marktkirche in Hannover ein Fenster. Gestaltet wird es von Schröders langjährigem Freund Markus Lüpertz. Was wohl dahintersteckt? Ein Kommentar.

          Altkanzler Gerhard Schröder stiftet ein aufwendiges Buntglasfenster für die evangelische Marktkirche in Hannover. Eines der gotischen Spitzbogenfenster auf der Südseite der Kirche wird von Schröders Künstlerfreund Markus Lüpertz gestaltet. Es wäre die fünfte Kirche, die Lüpertz – wie seine Malerkollegen Gerhard Richter, Neo Rauch, Sigmar Polke oder Imi Knoebel – mit modernen Fenstern ausstattet. Die Idee sei bereits letztes Jahr aus Anlass des fünfhundertsten Reformationsjubiläums entstanden, so die Pastorin der Marktkirche, Hanna Kreisel-Liebermann. Im Mittelpunkt des Entwurfs über drei Fensterbahnen steht daher lutherisch im unteren Drittel der Mensch, weiß gewandet, mit erhobenen Armen betend oder auch nur erstaunt, weil sich über ihm offenbar eine Auferstehung ereignet in Gestalt eines von einer Flammenaureole umzüngelten Skeletts, das von Ferne an das Grabtuch von Turin erinnern kann. Das Guernica-Gesicht des Weißgekleideten mit seinen holzschnittartigen Zügen ähnelt jedenfalls eher Schröder als Luther, ganz sicher jedoch nicht Christus, da der Mann eine weiße Kappe auf dem Kopf trägt. Sollte hier der Stifter Schröder mit Auferstehungshoffnung ins Bild gesetzt sein?

          Irritierend auch, dass über die Brust des Mannes eine überdimensionierte Schmeißfliege krabbelt, wie sich überhaupt noch mindestens drei weitere unverhältnismäßig große Fliegen auf dem Fenster tummeln. Ein „Herr der Fliegen“ als Verweis auf die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts? Der Entwurf in gedeckten Braun-Rottönen wirkt in seiner collageartigen Zersplitterung tatsächlich dystopisch-düster. Oder greift der renaissancehafte Malerfürst Lüpertz mit dem Insekt auf eine alte Künstler-Metapher zurück, die Fliege des Apelles, die lebensecht zum Beispiel oft auf Abendmahlsdarstellungen sitzt, von wo sie viele Museumsbesucher auch heute noch zu verjagen suchen.

          In der Marktkirche in Hannover wird das Fenster eingelassen.

          Fragen über Fragen, nicht zuletzt die nach den Kosten der generösen Stiftung. Schröder will das Künstlerhonorar für Lüpertz selbst übernehmen. Ein größerer Rabatt sollte hier möglich sein, da der Maler im Jahr 2001 für ein riesiges Wandbild im Berliner Kanzleramt in Schröders Auftrag ordentlich entlohnt wurde. Für die mindestens 100 000 Euro, die für das immerhin zwölf Meter hohe Kirchenfenster in Hannover anzulegen sind, hat der Altkanzler den Angaben zufolge bereits Sponsoren gefunden.

          Ein Schelm, wer dabei sofort an Schröders solvente Freunde in einer russischen Erdgas-Firma denkt. Der Vorgang einer derart kostspieligen Stiftung mit mutmaßlicher Präsentation des Auftraggebers im Zentrum wirkt insgesamt sehr katholisch: Lüpertz, vor Jahren zum Katholizismus konvertiert und repräsentationsbewusster „Malerfürst“, scheint der geeignete Künstler für diese selbstbewusste Zurschaustellung des Stifters. Einen pragmatischen Mehrwert könnte die Stiftung zusätzlich haben: Wenn Schröder demnächst seine fünfte Ehe mit der Koreanerin Soyeon Kim eingeht, könnte er es vor „seinem“ Fenster tun. Wie beim englischen König Heinrich VIII. wäre dies dem Seelenheil sicher nicht abträglich.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.