https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/gerhard-richter-begreifen-mit-dem-koerper-1433862.html

Gerhard Richter : Begreifen mit dem Körper

  • -Aktualisiert am

Gerhard Richter Bild: Privatsammlung

Die Lolitahaftigkeit dieses Kinderporträts von Gerhard Richter ließe an gewisse Gemälde von Balthus denken; man weiß aber, dass das Bild kurz nach dem 18. Oktober 1977 entstanden ist, also im Eindruck des so genannten Deutschen Herbstes. Das verändert alles.

          1 Min.

          So oft wie er war kaum einer dabei: Gerhard Richter ist jetzt bereits zum siebten Mal zur documenta eingeladen, und das mit einem Gemälde von 1977 – dem Jahr übrigens, als Richter seine Arbeiten aus der Ausstellung zurückzog, weil er sie schlecht gehängt fand. Das Bild zeigt Richters damals zehn Jahre alte Tochter Betty, die mit geöffneten, auffällig roten Lippen liegend zum Betrachter hochschaut.

          Unschuldig ist dieses Kinderporträt also schon mal ohnehin nicht, und unter anderen Umständen ließe diese Lolitahaftigkeit vielleicht an gewisse Gemälde von Balthus denken; man weiß aber, dass das Bild kurz nach dem 18. Oktober 1977 entstanden ist, also im Eindruck des so genannten Deutschen Herbstes, und unter dieser Prämisse wird aus dem Liegen automatisch ein Posieren, welches die Fotos von den Toten aus Stammheim nachvollzieht, die Richter elf Jahre später malen wird.

          Der „RAF-Zyklus“ von 1988 hat Richter zu einer politisch umstrittenen Person gemacht, obwohl aus seinen Äußerungen hervorging, dass er, als DDR-Flüchtling, nicht nur der radikalen Linken eher skeptisch gegenüberstand und weniger an den Idealen als am Idealismus der Terroristen interessiert war. Die Kuratoren der documenta ziehen Richter außerdem als Kronzeugen für ihre Frage nach dem „bloßen Leben“ und Formen des ästhetischen Begreifens heran. Und tatsächlich sieht man ihn ja hier in einer Doppelrolle als Zeitgenosse und Familienvater am Werk, der sich im Angesicht mörderischer Tragödien reflexhaft seiner Nächsten vergewissert. So wenig „unscharf“ und „verwischt“ war das Menschenbild bei Richter jedenfalls nie wieder.

          Weiter zu: Iole de Freitas: Skulptur belebt die Utopie

          Weitere Themen

          Michelangelos Täufling enttäuscht

          Versteigerung in Paris : Michelangelos Täufling enttäuscht

          Die Michelangelo zugeschriebene Zeichnung eines Täuflings sollte bei ihrer Auktion für eine Sensation sorgen. Das gelang nicht ganz. Einen Rekord stellte das wiederentdeckte Blatt trotzdem auf.

          Topmeldungen

          Spätabends noch allein im Büro sein sollte nicht normalisiert werden.

          Schluss mit 60-Stunden-Wochen : Nie wieder Überstunden?

          In vielen Unternehmen sind unbezahlte Überstunden Standard – und es ist nicht einfach, aus dem Hamsterrad herauszukommen. Aber es geht! Wie man sich rechtlich absichert und was man sonst noch tun kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch