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Gerettete Bäume : Wie ein Maler Schattenwirtschaft betreibt

Von Bäumen Träumen: Ubbelohde, Otto (1867–1922). „Landschaft mit Sarnauer Brücke”, vor 1918. Öl auf Leinwand, 103 × 122,5 Zentimeter. Marburg, Univ.–Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Bild: Picture-Alliance

Landschaft gegen Pachtzins: Der Maler Otto Ubbelohde rettete 139 Bäume vor der Säge, weil er auf ihren gewohnten Anblick nicht verzichten wolle.

          Dass Bäume eine Seele haben, dass sie untereinander kommunizieren, ist kein besonders neuer Gedanke, und auch der Impuls, einen solcherart belebten Baum genug zu hassen, um ihn aus dem Weg zu räumen, hat eine Tradition, die mindestens bis zum heiligen Bonifatius zurückreicht, der im 8. Jahrhundert bei Fritzlar die Donareiche fällte und damit die anwesenden Germanen schwer beeindruckte. Dass er das überlebte, wird man dem massiven militärischen Begleitschutz zuschreiben, denn normalerweise verstehen Baumliebhaber beim Fällen keinen Spaß und haben dabei heute auch die Justiz auf ihrer Seite. So entschied vor vier Jahren der Bundesgerichtshof, ein Grundstücksbesitzer dürfe von seinem Nachbarn nicht verlangen, dass der seine eigenen Bäume fällt, selbst wenn die das angrenzende Grundstück komplett verschatten und damit – wie in diesem Fall – dort eine Bonsaizucht unmöglich machen. Verlassen kann man sich auf eine solche Rechtsprechung freilich nicht, auch wenn heute das ökologische Bewusstsein immerhin gewachsen ist.

          Vor 120 Jahren dagegen wusste der Maler Otto Ubbelohde, dem wir unter anderem vierhundert hinreißende Federzeichnungen zur Jubiläumsausgabe der Grimmschen Märchen verdanken, deren Motive er in seiner mittelhessischen Umgebung fand, dass er kaum auf das Einsehen seiner Nachbarn oder der Justiz bauen durfte: Die Pappeln, die er in der Nähe der alten Sarnauer Brücke fand, die er liebte und malte, sollten im Fortschrittsrausch des frühen zwanzigsten Jahrhunderts abgeholzt und durch nutzbringende (in diesem Fall: fruchttragende) Bäume ersetzt werden.

          Ubbelohde, der an seiner Ateliertür ein Schild angebracht hatte, in dem er Besucher um möglichst kurzen Aufenthalt in seinem Haus bat, schloss mit den betreffenden Grundstückseigentümern Pachtverträge für 139 Bäume ab, die also stehenbleiben durften. Die Nachwelt hat davon eine Reihe herrlicher Pappellandschaftsbilder, die von Sonntag an im Atelier des 1922 verstorbenen Malers in Goßfelden bei Marburg besichtigt werden können. Die Laufzeit der Pachtverträge reichte ungefähr bis zum Lebensende Ubbelohdes. Sehr viel weiter scheint der Maler Friedensreich Hundertwasser vorausgedacht zu haben, wenn denn die hübsche Geschichte stimmt, die man von seinem Abkommen mit dem Nachbarn seines französischen Bauernhauses erzählt. Hundertwasser habe einen Vertrag über den Schatten abgeschlossen, den die eigentlich zum Abholzen vorgesehenen Nachbarbäume auf sein Grundstück warfen. Neunzehn Jahre nach Hundertwassers Tod stehen die Bäume noch immer. Weil, so die Geschichte, deren Schatten noch immer von den Erben bezahlt werde.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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