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Gerard Depardieu : Geld und Gagen

  • -Aktualisiert am

Der frischgebackene russische Staatsbürger Gerard Depardieu sorgt verlässlich für Peinlichkeiten. In seinem jüngsten russisch-französischen Kulturprojekt spielt sein Pariser Haus eine tragende Rolle.

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          Der schlechte Film geht weiter. Als Asterix hatte sich der Bürgermeister einer belgischen Kleinstadt verkleidet, um seinen prominenten Zuzügler zu begrüßen. Gérard Depardieus Flucht vor dem französischen Fiskus (und der öffentlichen Meinung) war das Signal zu einer Debatte über die Linke und das Geld im Allgemeinen sowie die Gagen der überbezahlten Filmstars, die von der staatlich geförderten Kulturindustrie leben, im Besonderen.

          Die kollektive Hysterie ist ein mittelmäßiges Remake der ersten Monate unter Präsident Mitterrand. Yves Montand, das linke Gewissen schlechthin, musste damals seine horrenden Fernsehhonorare rechtfertigen und Serge Gainsbourg verbrannte im Fernsehen einen 500-Franc-Schein - noch durfte in den Studios geraucht werden.

          Depardieu als Pionier des Widerstands

          Sie brächten Armut und Krieg, hatte die Rechte Mitterrands Sozialisten vorgeworfen. Tatsächlich wollten sie mit dem Kapitalismus brechen. Doch mittelfristig verdrängten sie den Kommunismus und versöhnten die Franzosen mit Europa, der Marktwirtschaft und dem Unternehmertum. Die Manager ersetzten die Intellektuellen als Helden des Zeitgeists. Nur das Verhältnis zum Geld blieb ein zutiefst gestörtes. Das wurde schon in Hollandes Wahlkampf klischeehaft deutlich. Bis zum Sündenfall ihres Stars Cahuzac hatten die Genossen an der Macht immerhin die Moral auf ihrer Seite. Sie versprachen eine Transparenz, wie sie bei Rousseau beschrieben ist: leicht idealistisch und ein bisschen naiv.

          Das Erdbeben, das die Steuerflucht des Haushaltsministers auslöste, entfesselt die archaischsten Triebe und Mechanismen in der Tradition ihrer Revolution: von Rousseau zu Robespierre. Auf Heller und Pfennig mussten die Regierungsmitglieder den Stand ihres Kontos deklarieren. Die Parlamentarier werden folgen. Der aufflammende Fanatismus der Transparenz lässt Depardieu, der aus Belgien zu Putin zog, geradezu als Pionier des Widerstands erscheinen. Unverzagt weist er den Franzosen den Weg zurück zu ihren unvergänglichen zivilisatorischen Werten. Der Kultur, ihrem Leuchtturm, soll sein Haus in Paris gewidmet werden: Für ein französisch-russisches Kulturinstitut will es Depardieu zur Verfügung stellen, nach dem Vorbild der Villa Medici in Rom. Aber noch viel weiter hat sein Amoklauf geführt. In Aserbaidschan macht er im Fernsehen Werbung: „Ein Land mit einer solchen Küche ist ein gutes Land.“ Zwar meint er durchaus das Essen vor Ort. Aber auch für Frankreich enthält der Spot eine tröstliche Botschaft.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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