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Georgische Künstlergruppe : Die Blauen Hörner

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Blaue Hörner und Freunde: Das Foto von 1926 zeigt georgische Schriftsteller mit deren Ehefrauen, darunter vorne Nikolo Mitsischwili (Erster von links), Tamar Okromchedlischwili-Iaschwili (Zweite von links), in der Mitte Paolo Iaschwili (Vierter von links), hinten Tizian Tabidze (Dritter von links). Bild: National Parliamentary Library of Georgia

Im Ersten Weltkrieg mischte eine Künstlergruppe die georgische Kulturszene auf. Stalins Mordserie überstand sie nicht. Ihr Mythos bleibt – und das Rätsel eines erotischen Gedichtzyklus.

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          Wahrlich tragisch ist Kutaisi in seiner Spießbürgerlichkeit (und eben darin ist es vielleicht ein schauriges Symbol für das ganze gegenwärtige Georgien)“, so schrieb der damals angesehene Schriftsteller Grigol Robakidze 1918 über die zweitgrößte Stadt des Landes. Ebendiese spießbürgerliche Stadt wurde von 1915 an, während des ersten Weltkrieges, von einer Gruppe junger Dichter unsicher gemacht, die sich die „Blauen Hörner“ nannte, was Robakdize spürbar begeisterte: „Die Kneipen von Kutaisi“, heißt es in seinem Artikel weiter, „verwandelten sich plötzlich in Pariser Literaturcafés“, wo außer Leierkastenmusik und traditionellem georgischen Tischgesang nun „erlesene Namen genannt wurden: Edgar Poe und Charles Baudelaire, Friedrich Nietzsche und Oscar Wilde, Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé, José María Heredia und Emile Verhaeren“ und dergleichen mehr.

          Im Zentrum der Gruppe stand PaoloIaschwili, der bereits als Neunzehnjähriger ein Jahr vor Kriegsbeginn die Zeitschrift „Goldenes Vlies“ herausgegeben hatte, ein Podium für viele junge Autoren. Zwei Jahre später kehrte er aus Paris zurück und gründete 1916 schließlich die Zeitschrift „Blaue Hörner“ und publizierte dort ein Manifest: „Hört unsere Predigt an. Der schattigen Gestalt Georgiens sind wir erschienen, in neue Strahlen gehüllt, um dem Volk, das seine Träume verloren hat, den gesäuberten Weg zu dem blauen Tempel der Zukunft zu weisen.“

          Die selbsternannten Lehrer und Wegweiser fanden in Georgien allerdings keine begeisterte Aufnahme. Philipe Macharadze, der 1921 Vorsitzender des georgischen bolschewistischen Revolutionskomitees werden sollte, bezichtigte die jungen Dichter in einem Zeitungsartikel 1916 der „schlimmsten literarischen Verbrechen“ und nannte sie „Kinder der finsteren Mächte“, deren Zeit aber bereits ablaufe: „Die Sonne wird wieder aufgehen und das Licht siegen. Dann werden sie gezwungen sein, ihre dunklen Erdlöcher zu suchen und dort hineinzukriechen.“

          Dreizehn Männer und eine Frau

          Macharadze sprach von „Ausschweifungen“ der Dichtergruppe. Tatsächlich waren mit den namensgebenden „Hörnern“ die georgischen Trinkhörner gemeint, aus denen traditionell Wein getrunken wird – aber das „Blau“ ist die Farbe der Poesie und der Romantik. Viele Mitglieder der Gruppe kamen aus dem Gymnasium von Kutaisi, das auch andere spätere Dichter, Künstler, Wissenschaftler und Politiker besuchten, etwa Wladimir Majakowski, der ein Jahr älter als Paolo Iaschwili war. Die Blauen Hörner bezeichneten sich, angelehnt an die einflussreiche russische Literaturströmung, als Symbolisten. Aber sie interessierten sich auch für neue avantgardistische Bewegungen und hielten in Kutaisi Vorträge etwa über Marinetti und den Futurismus. Anfang der zwanziger Jahre schrieb Tizian Tabidze, einer der wichtigsten Dichter der Gruppe, sogar dadaistische Manifeste.

          Zu den Blauen Hörnern gehörten zwischen zehn und fünfzehn Autoren. Tabidze sprach aber aus symbolischen Gründen lieber von dreizehn Mitgliedern – dreizehn Männer wie die dreizehn christlich-assyrischen Väter, die im 6. Jahrhundert in Georgien das Klosterleben begründeten. Jedenfalls waren die Blauen Hörner ein Männerkreis, und doch war von Anfang an auch eine junge Frau mit dabei, die unter dem Pseudonym Elene Dariani Gedichte schrieb, so frisch und erotisch, dass sie damit nie in der Öffentlichkeit auftrat. Sie war verheiratet, aber Paolo Iaschwilis Geliebte, der ihre Gedichte in einer Weise bearbeitete, dass man den sogenannten „Darianischen Zyklus“ sogar als gemeinsames Werk von Elene und Paolo ansehen kann. Tatsächlich ist die Frage der Urheberschaft noch immer umstritten, und die etablierte georgische Literaturwissenschaft weigert sich noch heute, die Autorschaft von Elene Dariani (die eigentlich Elene Bakradze hieß) anzuerkennen. Das Georgische Literaturmuseum in Tiflis, das bereits 2013 eine Ausstellung über sie realisierte, arbeitet jetzt an der Herausgabe ihres Nachlasses.

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