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„Perlenfischer“ in Antwerpen : Und das Meer löscht der Liebenden Schritte

Im Traum vereint: Nadir (Charles Workman, links) und Léila (Elena Tsallagova) Bild: Foto Annemie Augustijns

An der Oper Antwerpen verlegt das Kollektiv FC Bergman Georges Bizets „Perlenfischern“ ins Altersheim. Das sieht zunächst gewaltsam aus, wird aber immer eindringlicher.

          3 Min.

          Zart, aber ohne Weinerlichkeit, in einem Moment, dessen dunkel drückende Intimität das Zuschauen zudringlich erscheinen lässt, beginnt Charles Workman die berühmte Tenorarie des Nadir aus der Oper „Die Perlenfischer“ von Georges Bizet: „Je crois entendre encore“ – Erinnerung an die Stimme der geliebten Frau, der er jetzt, nach Jahren der Trennung unvermutet wiederbegegnet ist. Das Symphonische Orchester der Flandrischen Oper in Antwerpen begleitet ihn unter der Leitung von David Reiland dabei so behutsam, dass in dieser Zurückhaltung bereits die frühen Lieder von Gabriel Fauré durchklingen, schwarzgraue Barkarolen menschlicher Haltlosigkeit wie „Les berceaux“ oder „Au bord de l’eau“, in denen die zum Rhythmus gewordene Wassermetaphorik für den schwankenden Grund der Existenz über das Ohr in unser Gemüt dringt. Die lyrische Wende der französischen Oper vollzieht sich in diesem Augenblick: Meyerbeer ist tot, der Pomp der Grand Opéra glanzlos geworden.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Workman erreicht das hohe A, gar das H darüber nur mühsam, im brüchigen Falsett. Vielleicht würde er die Töne mit der Bruststimme reiner treffen, dafür aber auch lauter. Bizet notiert ein Pianissimo auf dem H. Das Falsett ist hier angemessen. Mag es auch nicht perfekt klingen, so zeigt dieser Moment, dass sich Einsamkeit und Enttäuschung durchgeschmerzt haben bis ins Timbre. Workman gibt in Antwerpen sein Rollendebüt als Nadir. Er singt mit Anfang fünfzig eine Rolle, die ein Tenor spätestens mit Anfang dreißig singen sollte. Aber er singt sie in der Inszenierung des belgischen Theaterkollektivs FC Bergman (wozu Stef Aerts, Marie Vinck, Thomas Verstraeten und Joé Agemans gehören) als Greis im Altersheim. Seine Betrachtung über ein verfehltes Leben, eine verpasste Liebe gerät zur offenen stimmlichen Auseinandersetzung mit einer Rolle, die eigentlich zu spät kommt, aber durch diese Deutung packt und beweist, wie wenig Bizet am Exhibitionismus vokaler Potenz gelegen war.

          Die Inszenierung, die noch bis Silvester in Antwerpen, danach bis 24. Januar in Gent sowie Anfang Mai nochmals in Luxemburg zu sehen sein wird, macht es dem Betrachter anfangs nicht leicht, Sympathien dafür aufzubringen. Der Alltag im Altersheim – anstelle der ceylonesischen Perlenfischerkommune – wird mit einer Drastik geschildert, die das Makabre nicht meidet: Ein alter Mann knallt tot mit dem Gesicht in den Kuchen, der nächste bricht am Rollator zusammen. Das Zimmer für die Leichenwäsche und der Kühlraum beanspruchen viel Platz auf der Drehbühne. Nadir und Zurga, zwei alte Freunde, treffen sich wieder und versichern sich erneut des Zusammenhalts (Workman und Stefano Antonucci singen das Duett dabei mit geschmackvoller Leichtigkeit, ohne Schluchzen und Schmachten), bis eine alte Diva mit Sonnenbrille im Rollstuhl eingeliefert wird: Léïla, die Frau, die sie einst beide liebten.

          Bemerkenswert aber ist, wie diese Inszenierung, die zunächst gewaltsam wirkt, Sinnfälligkeit entwickelt. Die Ankunft von Léïla löst bei Nadir und Zurga mehrere Erinnerungsschübe aus. Sie werden sichtbar in Form einer gigantischen Schaufensterdekoration: Eine Meereswoge aus hyperrealistischem Kunststoff wölbt sich über die Spielfläche. Lebensgroße Puppen zeigen die drei Hauptfiguren als junge Menschen. Mit jedem Erinnerungsschub verändert sich die Vergangenheit; die Puppen werden lebendig. Der junge Nadir (Jan Deboom) und die junge Léïla (Bianca Zueneli) paaren sich.

          Ob diese Paarung sich schon damals vollzogen hat oder nun in der Phantasie nachgeholt wird, ist nicht zu entscheiden. Der Wirklichkeitsakzent gerät ins Schweben. In einer ebenso zärtlichen wie harten Szene entkleidet Workman als Nadir die alte Léïla und streichelt ihre faltige Haut, bis sie diese Maske abzieht und in ihrer ganzen Jugendlichkeit dasteht. Auch das ist Reflexion über die Zumutungen von Ansehnlichkeit und die Regeln altersgemäßen Verhaltens auf der Bühne. Elena Tsallagova singt diese Léïla mit größter stimmlicher Disziplin und Delikatesse, findet für die Hinfälligkeit des Alters wie für die blühende Süße der Jugend gleichermaßen eindringliche Farben und schließt damit auf zur starken Phalanx russischer Sängerinnen – Olga Peretyatko, Aida Garifullina, Marina Prudenskaja, Jekaterina Sementschuk –, die momentan Europas Bühnen dominieren.

          Der Priester Nourabad (Stanislav Vorobyov) mit seinem weichen Bariton ist dabei identisch mit dem jungen Zurga, der den jungen Nadir, um beider Freundschaft zu erhalten, zum Verzicht auf Léïla drängt. Die musikalische Intelligenz des Sängers Stefano Antonucci zeigt sich darin, dass er als alter Zurga das Eingeständnis „Je suis jaloux (ich bin eifersüchtig)“ zum Höhepunkt seiner ganzen Partie macht. Was er am Ende singt, gerät zur Beichte eines verfehlten Lebens. Er gesteht sich ein, dass sein Freundschaftsidealismus Heuchelei und Eigennutz war, und dass es großmütiger gewesen wäre, schon damals auf Léïla und den Freund zu verzichten, um beiden in der Jugend die Erfüllung ihrer Liebe zu gönnen.

          Das Licht von Ben Smets bringt vor der Kunststoffwoge die Stimmung herbstlicher Verlassenheit hervor. Die unablässig vernehmbare Brandung von Bizets Musik – Naturlaut und Symbol zugleich – spült Treibgut aus Erinnerungen und Bedauern an: „les souvenirs et les regrets aussi“, wie es in den unsterblichen Chansonzeilen von Jacques Prévert heißt, bis – „la mer efface sur le sable les pas des amants désunis“ – das Meer im Sand die Schritte der getrennten Geliebten auslöscht.

          Seines Exotismus entkleidet, steht das Stück von Bizet plötzlich in überraschender Innerlichkeit und Größe da. Das Antwerpener Publikum, das anfangs noch gekichert hatte, erhebt sich am Ende begeistert und applaudiert nicht nur dem ausgezeichneten Chor, den Solisten, dem Dirigenten, sondern auch dem Regieteam im Stehen.

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