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George W. Bush : Der Mann der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Der Nachwuchs ist auf seiner Seite Bild: AP

Bushs Wiederwahl war kein Versehen, kein kollektiver Aussetzer. Es war eine sehr amerikanische Entscheidung. Womöglich stehen wir am Anfang einer republikanischen Epoche: Selbst an der Baby-Front liegt Bush vorn.

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          Noch nie ist ein amerikanischer Wahlkampf außerhalb der Vereinigten Staaten so aufmerksam verfolgt worden wie das Duell zwischen George W. Bush und John Kerry am 2. November vergangenen Jahres.

          Legionen ausländischer Journalisten folgten den Kandidaten durchs Land; Tonnen Papier wurden bedruckt, um dem globalen Publikum das vertrackte Wahlrecht zu erklären; die deutschen Fernsehanstalten inszenierten den Wahlabend wie das Finale einer Fußball-WM, und es hat nicht einmal an Stimmen gefehlt, die - allenfalls halb unernst - forderten, dem Rest der Menschheit müsse bei dieser Entscheidung von universeller Bedeutung doch irgendein Mitspracherecht eingeräumt werden. Um so erstaunlicher, wie radikal das nervöse Mitfiebern in allgemeine Teilnahmslosigkeit umgeschlagen ist. Als senke die Welt beschämt die Augen, als schaue sie angewidert weg, erlosch das Interesse an amerikanischer Politik am 3. November.

          Moralische Werte

          Angesichts der in europäischen Augen manifesten Dummheit der Wahl schien auch eine sorgfältige Analyse entbehrlich. So konnte sich in den Köpfen die schon in der Wahlnacht verbreitete Interpretation festsetzen, Bushs Wiederwahl sei ein Triumph der religiösen Rechten in Amerika. Der allseits zitierte Beleg für diese Einschätzung war eine Umfrage, die ergeben hatte, daß für gut zwanzig Prozent der Wähler „moralische Werte“, „moral values“, den Ausschlag bei der Stimmabgabe gegeben hätten. Daß diese vermeintliche Erkenntnis aus denselben Wählerbefragungen gleich nach Verlassen der Wahllokale, den „exit polls“, stammte, die am Nachmittag des 2. November noch eine solide Mehrheit für Kerry prognostiziert hatten, irritierte nicht.

          Ausgiebige Nachwahl-Untersuchungen belegen mittlerweile, daß längst nicht alle, die sich auf „moralische Werte“ beriefen, damit Abtreibung, Waffenbesitz oder die Homosexuellenehe meinten, die klassischen Themen der Konservativen also. In einer Erhebung des renommierten Instituts Zogby bezeichneten mehr als vierzig Prozent der Wähler den Krieg im Irak als moralische Frage, und immerhin fast ein Drittel nannte Armut das größte moralische Problem Amerikas.

          Kein Rechtsruck

          Die „Wiedergeborenen Christen“, zu denen Bush selbst sich zählt, stimmten zwar fast wie ein Mann für den Präsidenten - aber das hatten sie auch schon vor vier Jahren getan, und auffällig gewachsen ist diese Gruppe nicht. Bernhard Kornelius von der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim hat denn auch unlängst bündig festgestellt, von einem Rechtsruck in der amerikanischen Bevölkerung könne keine Rede sein, „ein forciertes Bekenntnis zu Religion und Moral“ habe „nicht stattgefunden“.

          Bush junior hat beileibe keinen Erdrutsch-Sieg errungen wie Reagan oder Clinton bei ihren Wiederwahlen; er bleibt ein polarisierender Präsident, und die Vereinigten Staaten sind tief geteilt zwischen Rot und Blau, Liberalen und Konservativen, zwischen „Metro“ und „Retro“, wie ein griffiger Slogan behauptet. Trotzdem hat Bush seine Mehrheit ausbauen können. Stimmen hinzugewonnen hat er praktisch überall, bei fast jeder ethnischen, soziologischen, regionalen Gruppe: gleichermaßen bei Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, im Nordosten wie im Süden und Südwesten, bei Gebildeten wie bei Ungebildeten, Alten und Jungen, „bei Erstwählern, Konfessionslosen und Kirchgängern“, wie Kornelius schreibt, „und sogar bei denjenigen Amerikanern, die keine Waffe besitzen“.

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