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George Tabori ist tot : „Er war ein wunderbarer Zauberer“

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Der Theatermacher George Tabori ist tot. Der Regisseur und Autor starb im Alter von 93 Jahren in Berlin. „Am Schluss hat er in seinen Träumen inszeniert“, sagte Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensemble, mit dem Tabori die letzten Jahre eng zusammengearbeitet hatte.

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          Der Theatermacher George Tabori ist tot. Der Regisseur und Autor starb bereits am Montag im Alter von 93 Jahren in Berlin. Das teilte der Intendant des Berliner Ensemble, Claus Peymann, am Dienstag mit. Zentrales Thema von Taboris Dramen, die er meist selbst inszenierte, ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Schwarzer Humor und bittere Einsicht kennzeichnet seine Figuren.

          Tabori wurde am 24. Mai 1914 als Sohn eines Journalisten in Budapest geboren. Der Vater und weitere Angehörige der jüdischen Familie wurden in Auschwitz ermordet, die Mutter entkam dem Transport nach Auschwitz durch Zufall. Tabori flüchtete 1936 vor den Nationalsozialisten nach London. Während des Krieges war er Korrespondent der BBC in der Türkei und im Nahen Osten. Von 1947 an arbeitete er in Hollywood und New York. In Amerika traf Tabori mit berühmten Zeitgenossen wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Bert Brecht zusammen. Über die Begegnung mit Bert Brecht (1947), von dem er drei Stücke ins Englische übersetzte, entdeckte er das Theater für sich.

          Nach Jahren als Theatermacher und Drehbuchautor für Hollywood lebte er von 1971 an wieder in Deutschland, wo er unter anderem in Bremen, München, Bochum und Wien wirkte. Als freier Regisseur arbeitete er dann vor allem am Wiener Burgtheater. Ende der 90er Jahre zog Tabori wieder nach Berlin, wo er im Januar 2000 mit dem Stück „Die Brecht-Akte“ das Berliner Ensemble unter der neuen Intendanz von Peymann wiedereröffnete.

          Zu Taboris bekanntesten Stücken zählen „Mutters Courage“, „Die Kannibalen“, „Mein Kampf“ und „Die Goldberg-Variationen“. Das auch verfilmte Drama „Mutters Courage“ erzählt von Taboris jüdischer Mutter, die in ihrer Heimat Ungarn wie durch ein Wunder den Nazis entkam.

          In jedem Grundsätzlichen etwas Unwichtiges

          „Er war ein weiser und kindlicher Mensch, ein wunderbarer Zauberer“, sagte Peymann. „Jetzt er hat die Bühne verlassen.“ Zuletzt hätten sich noch zahlreiche Schauspieler um das Bett des altersschwachen Tabori versammelt. Seine Frau, die Schauspielerin Ursula Höpfner, sei bis zum Ende bei ihm gewesen. „Am Schluss hat er in seinen Träumen inszeniert“, sagte Peymann.

          In einem Gastbeitrag zum 90. Geburtstag des Regisseurs hatte der Schauspieler Gert Voss in der F.A.Z. geschrieben: „Zu Dir passt gar nicht das Wort Regisseur. Deine Art, Regie zu führen, ist ganz undeutsch, weil viele deutsche Regisseure sich heimlich als Könige, Kapitäne und Heerführer verstehen. Alles Ideologische und Kopflastige magst Du nicht. Aber das Schönste ist Dein Humor. Dein Humor entsteht aus Deinem Mißtrauen gegen jede Art von Verstiegenheit oder von Einseitigkeit, und in jedem Grundsätzlichen entdeckst Du gleichzeitig auch etwas völlig Unwichtiges. In den schrecklichsten Dingen, die Menschen sich antun, entdeckst Du auch wieder etwas Humanes und Komisches. Und das eint Dich mit allen großen Komikern von Woody Allen bis Chaplin.“

          In einer gemeinsamen Presseerklärung würdigten das Berliner Ensemble und Taboris Theaterverlag ihn als „unvergleichlichen Theatermacher“, der die Schrecken des 20. Jahrhunderts mit melancholischem Humor und sanfter Geste dargestellt habe. Die letzten Monate seines Lebens sei das Bett in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm seine Bühne gewesen, voller Pläne, Neugier, Komik und Heiterkeit. „George Tabori - ein Dichter, ein Regisseur, ein Schauspieler, ein genialer Lebenskünstler, ein einzigartiger Mensch - hat seinen Lebenskreis vollendet.“

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