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Orwell als Reporter : Leichenschau des erlegten Drachen

  • -Aktualisiert am

Ein Publizist für alle Kanäle: George Orwell auf einer Aufnahme aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Bild: Getty

Erlebnisprotokolle vom Trümmerfeld: Was George Orwell als Korrespondent aus dem besiegten Deutschland zu berichten wusste.

          7 Min.

          Am 10. September 1943 kam es auf den Seiten der „Tribune“, des Herzblattes der britischen Linken, zu einer bemerkenswerten englisch-deutschen Begegnung: George Orwell rezensierte Thomas Mann. Nicht den Romanautor – man kann sich Orwell schwerlich als Leser der „Buddenbrooks“ oder des „Zauberbergs“ vorstellen –, sondern die politischen Aufsätze und Reden, die soeben auf Englisch unter dem Titel „Order of the Day“ erschienen waren.

          Was Thomas Mann darin mit der ihm eigenen Klarsicht anspricht, erst als Prediger in der politischen Wüste von Weimar, später als Exilant, ist die scheinbar endgültige Abkehr Deutschlands und weiter Teile Europas von den Normen der Zivilisation. Der Hinweis Manns schon im ersten Text, einer Rede vor Studenten aus dem Jahr 1923, dass die Zuhörer auf sein demokratisches Werben mit Stampfen und Buhrufen reagierten, ist das Schlüsselerlebnis von Orwells Lektüre: „Hier also haben wir einen Fünfzigjährigen, der seinen Hörern zuruft: ,Bleibt am Leben!‘, und ein jugendliches Publikum, das zurückschreit: ,Wir wollen, dass man uns umbringt.‘“ Und dazu der Orwell’sche Kommentar, zwanzig Jahre post festum: „Wir wissen nicht, was mit den jungen Leuten geschah, die Thomas Mann auszischten, als er ihnen zu verstehen gab, dass am Krieg nichts glorreich ist; doch wer von ihnen noch unter den Lebenden weilt, wird ein paar Gründe gefunden haben, seine Meinung zu überdenken.“

          Thomas Mann hat recht behalten

          Aus dem Artikel spricht warme Zustimmung, ja Bewunderung des Sozialisten für den erklärten bürgerlichen Liberalen, der im Namen der common decency den totalitären Götzen der Zeit von Anfang an die Reverenz verweigert hat. Dafür, dass Thomas Mann auch in den schwärzesten Stunden Europas in seinem Glauben an die Zukunft geistiger Freiheit und menschlicher Solidarität nie wankend wurde, rühmt ihn sein Rezensent.

          Denn die besprochenen Texte sind allesamt vor der militärischen Gezeitenwende namens Stalingrad entstanden. „Und seltsamerweise hat er recht behalten... Eine Diktatur liegt im Staub, und eine andere wird es wohl nicht mehr lange machen ... Wer weiß, was die europäische Jugend denkt. Vielleicht hat sich das totalitäre System durch die Massaker, zu denen es führte, genügend in Verruf gebracht, vielleicht wird es in neuer Gestalt und an anderen Orten wieder auftauchen. Wenn man den Geisteszustand Englands und Amerikas betrachtet, sind die Vorzeichen nicht gut. Aber jedenfalls, was die Nazis und Faschisten angeht, hat Thomas Mann, der Intellektuelle aus dem 19. Jahrhundert, recht. Dieser spezielle Drache ist beinahe sicher erlegt.“

          Thomas Mann bei einem Vortrag: Das demokratische Werben des bürgerlich-liberalen Schriftstellers blieb oftmals ungehört.
          Thomas Mann bei einem Vortrag: Das demokratische Werben des bürgerlich-liberalen Schriftstellers blieb oftmals ungehört. : Bild: Picture-Alliance

          Der Krieg, in den Hitler ein bloßes Vierteljahrhundert nach 1914 seine heillos verhetzte Nation geschickt hat, schlägt in diesen folgenschweren Monaten um und zurück auf seine Betreiber. Später, im März 1945, geht Orwell als Kriegskorrespondent des „Observer“ mit den amerikanischen Truppen über das befreite Paris nach Deutschland – zur Leichenschau des erschlagenen Drachen. Er will den Menschen zu Hause ein von Siegestaumel unberührtes Bild des deutschen Zusammenbruchs geben und bei seinem Lokaltermin die Spuren der Nazidiktatur lesen, solange sie noch frisch sind.

          Verhärtung des politischen Denkens

          Immer wieder im Lauf seines Lebens begab sich Orwell auf die Frontschauplätze seines katastrophalen Zeitalters, um die Sicht des Beobachters mit der des Erlebenden zu vereinen. Willentliche Verslumung in Paris, Eintauchen in das Arbeiterelend Nordenglands während der Großen Depression, Grabenkämpfe im Spanischen Bürgerkrieg: So sahen die Etappen seiner Grand Tour aus. Auch sein wenig bekannter Besuch auf dem großdeutschen Trümmerfeld fügt sich in dieses Muster.

          Seine zehn Deutschland-Reportagen zwischen März und Juni 1945 sind als Erlebnisprotokolle eines denkbar uninsularen Augenzeugen von erheblichem Interesse. Sie entstanden unter starker physischer und seelischer Belastung. Orwell hatte gerade mit einer schweren Lungenkrankheit zu kämpfen, als ihn die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Frau Eileen erreichte. Er fuhr zur Beerdigung nach Hause und kehrte dann auf seinen Posten zurück.

          Beim Wiedersehen mit Paris stieß er auf eine generelle Verhärtung des politischen Denkens im Gefolge der Okkupation: „So gut wie alle Franzosen glauben offenbar, dass eine Aufteilung Deutschlands, die Demontage seiner Kriegsindustrie, umfangreiche Reparationen, Zwangsarbeit und militärische Besetzung Minimalforderungen sind.“ Orwells britische Bedenken scheinen seinem Pariser Gesprächspartner wirklichkeitsfern: „Es geht nicht darum, dass wir Rache wollen. Aber nachdem wir sie vier Jahre hier bei uns hatten, fällt es mir einfach schwer, zu glauben, dass die Deutschen zur selben Menschenrasse gehören wie wir.“

          Umgeben von Herrenvolk

          Während die Truppen der Sieger in die deutschen Städte einrücken, wird dem begleitenden Journalisten das visuelle Schockerlebnis der Verwüstung zuteil, die die alliierten Bombenabwürfe („allied blitzing“) hinterlassen haben. Dabei drängen sich ihm drei Beobachtungen auf: „Die erste lautet: ,Die Menschen daheim haben keinen Begriff davon, wie es hier aussieht.‘ Die zweite: ,Es ist ein Wunder, dass sie so lange weitergekämpft haben.‘ Und die dritte: ,Wie viel Mühe wird es kosten, das alles wiederaufzubauen!‘ ... Die Trümmerstädte Deutschlands zu durchstreifen heißt tatsächlich, am Fortbestand der Zivilisation zu zweifeln.“

          „Die Menschen daheim haben keinen Begriff davon, wie es hier aussieht“: Orwell berichtete für den „Observer“ aus den zerstörten Städten Deutschlands.
          „Die Menschen daheim haben keinen Begriff davon, wie es hier aussieht“: Orwell berichtete für den „Observer“ aus den zerstörten Städten Deutschlands. : Bild: Picture-Alliance

          Angesichts solcher Verheerungen hält es der Beobachter für illusorisch, auf irgendwelche Reparationsleistungen der Besiegten zu hoffen: „Nach dem letzten Weltkrieg hat man die Aussichtslosigkeit, substantielle Entschädigungen einzutreiben, das heißt, den Gegner für den Krieg zahlen zu lassen, schließlich eingesehen. Doch man hat weniger begriffen, dass sich die Verelendung eines einzelnen Landes höchst nachteilig auf die Welt als Ganze auswirken muss. Es wäre keine gute Idee, Deutschland in eine Art ländlichen Slum zu verwandeln.“ Der Morgenthau-Plan, das besiegte Land mit dem Ziel seiner dauerhaften Befriedung zu einem Agrarstaat zu machen, war für Orwell ein Rückfall in den Geist von Versailles – mit der Gefahr, Europas Zukunft einmal mehr zu verspielen.

          Seine Erwartung, eine totalitäre Gesellschaft hautnah zu erleben, wird durch den Alltag im zerstörten Köln, seiner ersten Station in Deutschland, enttäuscht. Eine neue Spezies Mensch ist hier nicht zu entdecken; der nordische, blond-blauäugige Typ der Nazi-Propaganda scheint sich rar zu machen. „Nach all den Kriegsjahren ist es ein zutiefst seltsames Gefühl, endlich auf deutschem Boden zu stehen. Das Herrenvolk ist überall um einen herum (,The Herrenvolk are all round you‘) und bahnt sich auf Fahrrädern den Weg durch die Schuttberge ... Sonderbar: Dies sind die Menschen, die einmal Europa vom Ärmelkanal bis zum Kaspischen Meer beherrscht haben und die auch unsere Insel beinahe erobert hätten... Aus den Blicken, die mich trafen, sprach oft so etwas wie Trotz der Geschlagenen – als ob sich diese Menschen entsetzlich schämten, weil sie den Krieg verloren hatten.“

          Frühlingsszenerie und Terror

          Im absurden Kontrast zu den Städten präsentieren sich die ländlichen Regionen Bayerns als trügerische Idylle: „Nach dem Verhalten der Zivilbevölkerung in diesem Teil Deutschlands zu urteilen“, heißt es in einem Bericht aus dem Fränkischen, „wäre es untertrieben, zu sagen: die Deutschen wüssten, dass sie geschlagen sind. Die meisten Menschen sehen offenbar den Krieg bereits als ein Ereignis der Vergangenheit an und seine Fortsetzung als einen Wahnsinn, an dem sie keinerlei Anteil nehmen ... Gemächlich trotten die Ochsen vor der Egge, während die nahen Hügel von Artilleriefeuer widerhallen. Die meisten Bauern haben mehr Angst vor herumstreunenden DPs (displaced persons) als vor einer verirrten Granate... Die Dorfbewohner betrachten den Einbruch der amerikanischen Armee offenbar mit weniger Interesse, als sie einem durchziehenden Wanderzirkus schenken würden.“

          Trügerische Idylle in ländlichen Gegenden: Ein amerikanischer Soldat steht am Panoramafenster des ausgebrannten Berghofes am Obersalzberg.
          Trügerische Idylle in ländlichen Gegenden: Ein amerikanischer Soldat steht am Panoramafenster des ausgebrannten Berghofes am Obersalzberg. : Bild: Picture-Alliance

          Der Widersinn zwischen der intakten Frühlingsszenerie und dem Terror, den dieses Land in die Welt gesetzt hat, wird mit bezeichnender Schärfe empfunden: „Während man durch den ländlichen Frieden dieser Landschaft mit ihren gewundenen, von Kirschbäumen gesäumten Straßen fährt, mit ihren terrassierten Weinbergen und frommen Bildstöcken am Wegrand, stellt sich immer wieder eine bestimmte Frage. Wie können diese äußerlich so schlichten und freundlichen Landbewohner, die am Sonntag früh in ehrbarem Schwarz zur Kirche strömen, für die Nazigreuel verantwortlich sein? Die Nazibewegung hat schließlich von diesem Teil Deutschlands ihren Ausgang genommen.“

          Doch dann folgt der Orwell’sche „Kameraschwenk“ auf die Spuren deutscher Grausamkeit in den Lagererinnerungen befreiter Kriegsgefangener – den KZs ist Orwell offenbar nicht nahegekommen –, besonders in Berichten über die Hungerqualen der Russen, deren „verdreckte und zerlumpte Gestalten, hohlwangig von Hunger und Elend“, er vor Augen hat; wüste Szenen noch aus den letzten Tagen vor der Befreiung, als die Posten in ein Knäuel russischer Gefangener schossen, denen englische und amerikanische POWs (prisoners of war) durch den Drahtzaun Essbares aus ihren Rotkreuz-Päckchen zustecken wollten.

          Man wünschte sich, er wäre Kästner begegnet

          Die Reportage aus einem ungenannten Ort in Österreich, einige Wochen später, notiert andere Inkongruenzen. Vor dem Hintergrund schneebedeckter Berggipfel, malerischer Dörfer und üppig bunter Wiesen mutet die Kapitulation der letzten großdeutschen Armeereste seltsam unwirklich an. Meilenweit fährt Orwell an solchen Wiesen mit sonnenbadenden, waffenlosen Landsern vorbei, an sorgfältig abgestellten Wehrmachtsfahrzeugen und deutschen Militärpolizisten, die auf Kreuzungen den Verkehr regeln. Ähnlich phantastisch hat zur selben Zeit Erich Kästner mit einem versprengten Trupp von Ufa-Filmleuten im Zillertal den Ladenschluss des Tausendjährigen Reiches erlebt und in seinem Tagebuch „Notabene 45“ festgehalten. Man wünscht sich, ein glücklicher Zufall hätte die beiden zusammengeführt. In Kästner wäre Orwell jener zugleich kritische und kundige Beobachter Hitlerdeutschlands begegnet, den ihm seine Fronttournee offenbar schuldig geblieben ist.

          Neben den szenischen Momentaufnahmen, die einen wesentlichen Reiz seiner Reportagen ausmachen, stehen Reflexionen zu den drängenden Zukunftsproblemen von Hungersnot und Obdachlosigkeit, aber auch zur Willkür der Zonenabgrenzung und zur prekären Einheit der Alliierten. Noch vor dem Ende der Kämpfe sieht Orwell den Wettstreit der Sieger um die Besiegten einsetzen.

          Heimkehrende Soldaten in Süddeutschland: Wie können diese äußerlich so schlichten und freundlichen Landbewohner für die Nazigreuel verantwortlich sein?
          Heimkehrende Soldaten in Süddeutschland: Wie können diese äußerlich so schlichten und freundlichen Landbewohner für die Nazigreuel verantwortlich sein? : Bild: Picture-Alliance

          Eine wichtige Nachlese zu seiner Erkundung des kaputten und bedingungslos kapitulierenden Reiches findet sich in dem Artikel „Rache ist sauer“ für die „Tribune“ vom 9. November 1945. In Begleitung eines amerikanischen Vernehmungsoffiziers besucht Orwell ein Gefangenenlager irgendwo in Süddeutschland. Er erwähnt die Demütigungen und Fußtritte, die sein Begleiter einem hochrangigen SS-Mann zufügt („selbst ein derber Tritt ist eine Kleinigkeit gegen die Greuel des Nazi-Regimes“), und betrachtet den Vertreter des Prinzips Unmenschlichkeit aus der Nähe. Nicht zum Fürchten erscheint er ihm, eher neurotisch und „auf eine üble Weise intellektuell“.

          Ein hündisches Gesicht

          Der Anblick erinnert ihn an Gesichter aus heruntergekommenen Londoner Unterkünften und auch – dies die besondere Orwell-Note – aus dem Lesesaal des Britischen Museums: „Der Nazi-Folterknecht, diese monströse Figur, gegen die wir so lange ins Feld gezogen waren, schrumpfte zu diesem elenden Teufel hier, dem offensichtlich weniger eine Bestrafung als eine psychologische Behandlung vonnöten war... Wer hätte 1940 nicht Luftsprünge gemacht bei dem Gedanken, SS-Offiziere getreten und erniedrigt zu sehen? Doch wenn so etwas endlich möglich wird, ist es nur noch jämmerlich und abstoßend.“

          Dieser Exzess englischer Fairness – nicht mit moralischer Blindheit zu verwechseln – wird selbst dem anderen deutschen Autor zuteil, den Orwell außer Thomas Mann noch rezensiert hat. Dessen Buch hieß „Mein Kampf“, die Besprechung erschien 1940. Wie so oft spricht der Rezensent weniger über das Buch als über den Verfasser, hier besonders über die frühen Fotos von Hitler: „Es ist ein bemitleidenswertes, hündisches Gesicht, das Gesicht eines Mannes, der von unerträglichem Unrecht gequält wird“, ein Gesicht, das ihn an Darstellungen des Gekreuzigten erinnert. Die materiellen Angebote von Kapitalismus und Sozialismus seien gegenüber dem apokalyptischen Opferappell, der von dieser Passion ausging, verblasst. „Hitler sagte den Menschen: ,Ich biete euch Kampf, Gefahr und Tod‘, und daraufhin wirft sich ihm eine ganze Nation zu Füßen.“ Das klingt wie Churchills Blut-Schweiß-und-Tränen-Appell, auch aus dem Jahr 1940. Freilich, diese zwei zeit- und fast wortgleichen Parolen sind alles andere als deckungsgleich.

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