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Geöffnete Freibäder : Im Massenglück

Die Vernetzung durch das Benetzende: Im Freibad endet die Vereinzelung Bild: dpa

Individualismus als falsche Fährte der Menschheitsbeglückung: Im Freibad weiß man das Gefühl zu schätzen, endlich wieder einer von vielen sein zu dürfen.

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          Die Freibäder haben auf, machen auf, eines nach dem anderen. Ein Bad in der Menge, das die Massenseele der Einzelnen in Schwingung versetzt. Gewandelte Wahrnehmung: Das gemeinsame Badewasser, in das man eintaucht, wird als verbindendes Element erlebt, nicht als chlorifizierte Dreckbrühe wie noch vor der Pandemie. Sie da hinten, er hier vorne teilt mit mir dasselbe Bassin. Ist das – die Vernetzung durch das Benetzende – nicht schon das Ende der Vereinzelung?

          Das Bedürfnis, sich durch Nässe zu vergemeinschaften, hatte man bisher noch gar nicht gekannt. Jetzt bricht es sich Bahn, Schwimmzug um Schwimmzug. Es ist längst nicht nur diese endlich wieder mögliche Schwimmbewegung, die in Euphorie versetzt. Auch nicht die neue Selbstverständlichkeit, mit der man in freie, unmaskierte Gesichter schauen und diese entziffern kann, statt immer nur auf den Augenkontakt angewiesen zu sein.

          Nacktheit uniformiert

          Nein, es ist vielmehr das Gefühl, einer von vielen sein zu dürfen und dieser Vielheit auch ansichtig sein zu können, das beglückt. Darin liegt die reizende Begegnung mit sich selbst, die mit der Massenerfahrung Freibad verbunden ist. Eigensinn erscheint, während man mit den anderen im Schichtbetrieb (alle drei Stunden müssen alle raus) seine Bahnen zieht, wie eine Extravaganz der Zivilisationsgeschichte, eine falsche Fährte der Menschheitsbeglückung.

          Mein Badehandtuch ist so groß wie dein Badehandtuch, und auch die Nacktheit uniformiert. Unterm Himmel einander Haut zeigen wirkt nach dem monatelangen Reizentzug, nach dem befohlenen Rückzug in individualisierende Verhüllung wie ein betont egalitärer Vorgang. Das Anstehen vor der Pommesbude, in Badeklamotten und unter gleißender Sonne, enthüllt den anthropologischen Sinn von Öffentlichkeit. Der Philosoph Volker Gerhardt hat recht, denkt man sich in der Geborgenheit der Warteschlange, wenn er das Innere des Menschen von dessen äußerer Konstellation her begreifen möchte, „weil das eigene Denken seine Bedeutung als Denken nur erlangt, sofern es sich im Horizont des Öffentlichen vollzieht“.

          Ungewohnte Redseligkeit

          Überhaupt kann der Individualismus, das angesagte Selbstverhältnis der Moderne, in der Gemeinschaftserfahrung der Schwimmenden als abgesoffen gelten. Wer möchte bei diesem planschend geteilten Menschsein sich noch auf die Behauptung des Eigenen verlegen?

          Im endlich wieder betretbaren Freibad greift hier und da eine ungewohnte Redseligkeit um sich, ein Bekenntnisdrang im Angesicht der Anderen. Am liebsten möchte man sein wiedererlangtes Allgemeines, das mutmaßliche Ende der Massenaskese, vor jedermann in Hörweite beschwören: Masse, wo ist dein Stachel? Heute erst wird fassbar, was man entbehrte. Wie konnte man sich bei ausgeschaltetem Massenmodul nur so lange über Wasser halten? Hurra, ich bin viele! Sie da, meinen Sie nicht auch?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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