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Gentrifizierung : Vom Leben und Sterben der Städte

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Vom Leben und Sterben der Städte: Die F.A.Z.-Reihe über die Gentrifizierung in Deutschland Bild: F.A.Z.

Alle reden von Gentrifizierung, aber was bedeutet sie? Als ersten Teil einer Serie zeigen wir am Beispiel Frankfurts, was die Vertreibung aus angestammten Stadtvierteln steuert.

          Eine der erfolgreichsten Veranstaltungsreihen des „Frankfurter Architektursommers“ waren in diesem Jahr Quartiersbegehungen, organisiert vom hiesigen BDA (Bund deutscher Architekten). Die bestbesuchte Führung war die durchs Frankfurter Westend. Peter Schirmbeck, ehemaliger Direktor des angesehenen Industriemuseums Rüsselsheim, berichtete den zuweilen ungläubigen Zuhörern von den Demonstrationen und Häuserkämpfen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die er als rebellischer Student selbst miterlebt hatte.

          „Jeder Stein, der abgerissen, wird von uns zurückgeschmissen“ – so stand es damals (und noch lange nach dem Ende der Revolten) auf der Front eines üppig dekorierten Mietspalastes von 1890 zu lesen. Unvorstellbar heute, da am einstigen Prachtboulevard in Frankfurts nobelstem Wohnviertel sich jedes Gebäude, das etwas mehr als siebzig Jahre Bestand aufzuweisen hat, penibel restauriert und dekoriert zeigt. Oder sagen wir besser: fast jedes. Denn auch hier kennt man schleichenden Verfall infolge zu geringer Profite oder Leerstand.

          Prominentes Beispiel ist die herrliche Jahrhundertwendevilla, die bis 2005 das Frankfurter Literaturhaus beherbergte, aber seit dessen Weggang ungenutzt vor sich hin dämmert. Oder das legendäre Café Laumer im spätklassizistischen Eckhaus mit der charmanten „runden Ecke“: Adornos Stammsitz, seit 92 Jahren in Familienbesitz und nach wie vor sehr gut besucht. Dennoch leidet der Betrieb unter steigenden Kosten. Seit dem Tod des Seniorchefs 2010 überlegen die Erben, Insolvenz anzumelden, um der Schuldenfalle zu entkommen.

          Bis auf weiteres ungenutzt: Jahrhundertwendevilla zur Linken

          Abrissbirnen donnern, Kräne tanzen

          Im Internet empören sich Blogger über den Abriss eines anmutigen, 1874 errichteten Kutscherhauses in der Lindenstraße, und im Netz, aber auch vor Gericht streitet eine Initiative „Westend 21“ gegen unerträglichen Baulärm. Von ihm, längst nicht mehr von Protestzügen, hallt der Stadtteil wider: Abrissbirnen donnern, Kräne tanzen, Betonmischer kreiseln. Diesmal geht es vor allem den schlichten Kuben der fünfziger und den anspruchslosen Betonkisten der sechziger und siebziger Jahre an den Kragen; mag sein, dass deshalb heute Lethargie statt Protest im Westend überwiegt.

          Zumal da die Gebäude, die statt der verschwundenen wachsen, von ausgesuchter Eleganz sind. Man schwelgt in Natursteinfassaden – bevorzugt in milchkaffee-beigefarbenem Sandstein, der en passant auch traditionelles Flair ausstrahlt, dazu Messing und solides, sichtlich teures Transparentglas, gern nach Berliner Vorbild in tief eingeschnittene Französische Fenster gesetzt oder in exzentrischen Schrägen vor die Wandflächen tretend.

          Wer möchte schon gegen diese architektonischen Armanis der Zweiten Moderne Sturm laufen? Auch, dass sie das Westend mit dem grün-frostigen Glitzern ihrer Fensterbänder und der wuchtigen, kühl abweisenden Eleganz ihrer Sandsteinfronten mehr und mehr in eine ästhetische Tiefkühltruhe verwandeln, bleibt unbeachtet – zu üppig ist noch immer das tarnende Grün der alten Baumbestände und üppigen Vorgärten. So war denn auch die Entrüstung, als im Frühjahr dieses Jahres das Suhrkamp-Haus in der Lindenstraße abgerissen wurde, um Platz für eine „Linden-Corso“ geheißene Luxus-Wohnanlage zu schaffen, eher lau. Wer wollte denn etwas gegen Wohnraum im ohnehin wohnraumreduzierten Westend einwenden, zumal, wenn dafür ein nichtssagender Zweckbau weicht?

          Familien, Singles, Studenten

          Doch die Bewohner hätten allen Grund aufzubegehren. Denn verbunden mit der Bauwelle, die das Westend zu einem Refugium der „happy few“ deklariert, wo für Neubau-Eigentumswohnungen bis zu achttausend Euro pro Quadratmeter gezahlt werden, ist ein rasanter Anstieg der Mieten: im ersten Halbjahr 2011 um 4,2 Prozent, und das im gesamten Viertel. Wer als Hausbesitzer nicht abreißt, führt Luxussanierungen durch, an deren Ende den Altmietern bei Quadratmeterpreisen von bis zu 35 Euro oft nur ein Wohnungswechsel bleibt.

          Ein Wechsel wiederum, der die Westendler ins angrenzende Nordend treibt. Dieses Viertel mit umfangreichem Baubestand der Gründerzeit, ehemals entstanden für gut- und kleinbürgerliche Kreise und seit den siebziger Jahren bevorzugtes Wohngebiet für junge Familien, Singles, Studenten, Rentner und Alternative, zählt zu den beliebtesten Wohnquartieren Frankfurts; es ist vielfältig, hat ein reiches kulturelles Angebot.

          Wertsteigernde Sanierungen und Neubauten

          Der Zuzug finanzkräftigerer Mieter aus dem Westend jedoch hat den Stadtteil radikal verändert – Sanierungen zur Erhöhung des Wohnstandards sind an der Tagesordnung, auf Industriebrachen wachsen kostspielige Apartments, Grobbauten gemeinnütziger Stiftungen werden in Luxuswohnungen umgewandelt, Geschäfte und Ladenketten für gehobenen Bedarf ersetzen Kleinläden. So wandern inzwischen die Mittelständler des Nordends ihrerseits ins angrenzende Ostend ab, ein ehemaliges Arbeiter- und Kleinbürgerquartier, das im Bewohner- wie im Erscheinungsbild den postindustriellen Niedergang nachzeichnete.

          Mittlerweile aber – zusätzlichen Auftrieb gibt derzeit der Neubau der Europäischen Zentralbank– häufen sich auch im Ostend wertsteigernde Sanierungen und Neubauten – mit den erwartbaren Folgen: Im ersten Halbjahr 2011 stiegen die Mieten im Ostend um 5,6 Prozent, also sogar noch höher als im bisherigen Rekordhalter Westend. Das wiederum dürfte Frankfurts Vororten bald einen enormen Anstieg an eher einkommensschwachen Mietern auf Wohnungssuche bescheren.

          „Bauen nach Zufall und Willkür“

          Letztere werden als schwächstes Glied in der Karawane notgedrungener Frankfurter Mietnomaden hin und her und am Ende immer mehr an den Rand getrieben. So im sogenannten Gutleutviertel, dem Wohnumfeld des ehemaligen Westhafens, der vor rund zehn Jahren vom sterbenden Industriegebiet zum reizvollen Wohnviertel mit Stadtvillen samt Penthäusern auf Werftanlagen, gehobenen Gastronomiebetrieben und hohem Freizeitwert umgebaut wurde. Dieser Wiederaufstieg zeitigt Folgen: Die wenigen verblieben Altbauten des Areals werden, sofern sie in Reichweite der aufgewerteten Quartiere liegen, von Arbeiter- zu Großbürgerform aufgeschönt, derweil sich in den abgelegeneren Karrees Immigranten und einheimische sozial Schwache drängen.

          Was Goethe 1808 seiner Vaterstadt als „Bauen nach Zufall und Willkür“ ankreidete und die Soziologin Jane Jacobs 1961 in „Leben und Sterben großer amerikanischer Städte“ als Teufelskreis aus profitorientiertem Auf- und Abstieg von Stadtvierteln analysierte, heißt heute Gentrifizierung. Positiv betrachtet, fasst dieser Begriff das Aufwerten von Stadtteilen, seine Schattenseite aber ist die schleichende Vertreibung der angestammten Bewohner, der – nach einer Phase homogenen luxurierenden Wohnens – der Niedergang eines Stadtteils folgt, den eine nivellierte Daseinsform erst langweilig macht, dann veröden und schließlich absterben lässt.

          Momentan aber erleben wir in Frankfurt noch den blendenden Aufstieg, dessen Glanz die Vertreibung überstrahlt. Dass sich viele andere deutsche Großstädte momentan auch diesen baulichen Rosskuren unterwerfen, soll eine Artikelfolge in den kommenden Wochen darlegen.

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