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Gentrifizierung : Leipziger Einerlei

Vom Leben und Sterben der Städte: Die F.A.Z.-Reihe über die Gentrifizierung in Deutschland Bild: F.A.Z.

Ein alternativ-luxuriöser Lebensstil als großer Gleichmacher: Fabrikgelände werden zu Lofts ausgebaut. So billig wie bislang werden die Mieten in Leipzig nicht bleiben.

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          Die Argumente gegen die Gentrifizierung des Wohnblocks an der Windmühlenstraße setzen auf große Zahlen: „43 Schlüssel beim Nachbarn“ zum Beispiel. So verkündet es ein Protestplakat, das in der Tür eines Leipziger Geschäfts hängt, dessen Namen den Abschied anklingen lässt, der hier bald bevorstehen könnte: „Tschau Tschüssi“. Es bietet Produkte junger lokaler Designer an, und die Betreiberin Miriam Paulsen weiß mittlerweile, dass sie damit nicht nur einen Kultladen geschaffen hat, sondern auch als Kultmieterin gilt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn obwohl sie protestiert, soll Miriam Paulsen mit ihrem Geschäft eigentlich gar nicht weg. Genauso wenig wie das benachbarte Café oder der Fahrradladen um die Ecke - alle drei sind eben „Kultmieter“. So nennt es der neue Eigentümer dieser großen denkbar innenstadtnahen Wohnanlage, in der fast 250 Menschen leben, die leider keine Kultmieter sind. Erworben hat er ihn erst kürzlich von der LWB, Leipzigs kommunaler Wohnungsgesellschaft. Natürlich mit dem Gedanken, damit auch Geld zu verdienen. Dafür muss saniert werden, denn der teilweise denkmalgeschützte DDR-Bau aus den fünfziger Jahren, auf dessen Dach sich noch sozialistische Leuchtreklame findet, ist in schlechtem Zustand. Das aber machte ihn bislang für Mieter attraktiv, die sich ansonsten keine so dicht am Zentrum gelegene Wohnung hätten leisten können.

          Dabei sind die Mieten in Leipzig im Bundesvergleich immer noch sensationell niedrig - keine andere deutsche Halbmillionenstadt ist fürs Wohnen derart günstig. Deshalb hat es viele Studenten von außerhalb hierhergezogen, und auch Künstler oder kleine Handwerksbetriebe finden in Leipzig billige Domizile. Das nutzt dem Image der Stadt und vermehrt wiederum den allgemeinen Zuzug; gerade hat man die ewige sächsische Rivalin Dresden wieder mal in der Bevölkerungszahl überholt. Aber diese wachsende Beliebtheit Leipzigs hat auch einen Preis: So billig wie bislang werden die Mieten nicht bleiben.

          Noch kann man auch in der Leipziger Innenstadt günstig wohnen: Gerade wurde die ewige sächsische Rivalin Dresden wieder mal in der Bevölkerungszahl überholt

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          Seit einigen Jahren haben sich neue Viertel herausgebildet, in denen sich die besser situierten Bürger konzentrieren und die alten Bewohner verdrängen - der Mechanismus, den man Gentrifizierung nennt. In Leipzig, wo fast jeder Fünfte unterhalb der Armutsschwelle lebt, aber das bisher in attraktiv gelegenen Wohnvierteln tun konnte, ist diese Entwicklung spät, aber nun umso spürbarer eingetreten. Lange Zeit nach der Wende hatten sich wohlhabende Zugezogene auf Gohlis, das Musiker- oder das Waldstraßenviertel konzentriert. Das störte niemanden, denn das waren Quartiere, die immer schon zu den besseren gehört hatten. Wie in fast jeder im neunzehnten Jahrhundert gewachsenen deutschen Großstadt liegen diese privilegierten Viertel im Westen, weil die vorherrschende Windrichtung die Abgase der neuen Industriegebiete seinerzeit in Richtung Osten trieb. Dort siedelten dann die Arbeiter. Wobei Leipzig insofern eine Besonderheit darstellt, als dass sich die Fabriken später vor allem im Westen der Stadt ansiedelten, so dass dann auch die reichen Viertel ihren Teil vom Dreck abbekamen.

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