https://www.faz.net/-gqz-6u8p7

Gentrifizierung : In München steht ein Hochpreishaus

Vom Leben und Sterben der Städte: Die F.A.Z.-Reihe über die Gentrifizierung in Deutschland Bild: F.A.Z.

Zuzugsgebiet Süd: Die bayerische Landeshauptstadt stöhnt im Würgegriff der Bodenpreise - und kämpft gegen den Wohnungsmangel

          Fangen wir in der Au an. Das Viertel hat den Vorteil, nicht wie das mystische Nordschwabing praktisch bis nach Pfaffenhofen zu reichen. Am Mariahilfplatz strahlt das Kloster der armen Schulschwestern zwar in neuem Glanz, hat aber keine neuen Mieter mit Doppelnamen. Die Au, das Tagelöhnerviertel, aus dem Karl Valentin stammte, ist schon so lange als Wohngebiet gentrifiziert, dass sie schon wieder normal wirkt. Also hinauf über die finstere Schlucht der Gebsattelstraße. Dort thront ein türkisches Restaurant, die Klingelschilder in der Schornstraße verraten nicht viel über Zuzug von Migranten oder Postmateriellen. Gegenüber den blutroten Wohnburgen an der Welfenstraße baut ein Bauträger 106 Wohnungen, die unter dem Namen „Welfenhöfe“ immerhin nicht Denglisch daherwachsen. In sechzehn behindertengerechte Wohnungen werden nach dem städtischen „München Modell“ Gering- und Durchschnittsverdiener einziehen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          München ist deutscher Spitzenreiter: Die Hälfte der rund 750 000 Wohnungen ist von Singles belegt. Sechzigtausend Wohnungen gehören den beiden Eigenbetrieben der Stadt. Jedes Jahr, so hat es der Stadtrat mehrheitlich beschlossen, sollen siebentausend Wohnungen gebaut werden, in den vergangenen fünf Jahren hat die Kommune 650 Millionen Euro in den Wohnungsbau gepumpt. Erreicht wird die Zahl nie ganz. Elisabeth Merk, Leiterin des Referats für Stadtplanung und Bauordnung, sagt deshalb: „Neubau ist wichtig, aber er kann nicht die Lösung sein.“

          Eine Allianz aus Multikulturalismus und Arbeiterklasse

          Was der Stadtplanerin Sorgen bereitet, ist nicht die - prozentual geringe - Zunahme von Luxuswohnungen, „sondern die steigenden Bodenpreise“. Über ein Umwandlungsverbot, mit dem Entmietung und Nobelsanierung aufgehalten werden könnten, verfügt die Stadt nicht, weil das Land ein solches Gesetz blockiert. Man müht sich traditionell um Ausgewogenheit, will Segregation in den Quartieren verhindern. Bei städtischen Neubauten muss die Hälfte der Wohnungen sozial gebunden sein, bei privaten hat man immerhin ein Drittel durchgesetzt. In der Hamburger Hafencity sei keine einzige Wohnung gefördert, bemerkt Merk. Aber auch sie weiß: „Wir können von Investoren einiges fordern, weil wir als Stadt so stark nachgefragt sind - aber natürlich hat das Grenzen.“

          Für die Münchner selbst ist das Thema Gentrifizierung wie das Wetter: Das kann man auch nicht ändern. So erntet man häufig müdes Achselzucken. Das sei hier „noch nie nicht“ anders gewesen. Dennoch ist derzeit Hochzeit für das Viertel-ändere-dich-Spiel. Ein Bauboom sondergleichen hat die Stadt und ihre Bewohner in den Schwitzkasten genommen; Fußgänger und Radfahrer sind zum Hindernislauf verdammt. Besonders viel Auf- und Umbruch erlebt zum Beispiel das lange als unfein geltende Giesing, Heimstatt der Sechziger, Geburtsort des Kaisers. Noch wehrt man sich nach Kräften und mit Hilfe einer Allianz aus Multikulturalismus und Arbeiterklasse gegen die Nobilisierung.

          In rosa-liberaler Eintracht

          Nachverdichtung und Neubau: Der Tegernseer Platz mit dem herrlichen Postamt von Robert Vorhoelzer aus den Jahren 1928/29 ist ein buntes Sammelsurium, ein verkehrsumtostes Chaos, dem man jetzt an der Ecke Tegernseer Landstraße/ Ichostraße noch ein Einkaufszentrum spendiert. An der Herzogstandstraße entsteht eine Kinderkrippe mit Mittelpunktsbibliothek plus Wohnanlage. „Ein Kindergarten kann nicht mehr allein auf so einem Grundstück stehen, die Zeiten sind vorbei“, sagt die Planungsreferentin. Auf dem ehemaligen Agfa-Gelände entsteht gerade das Parkviertel Giesing mit 1200 Wohnungen, Quadratmeterpreis zwischen 4100 und 5100 Euro. Zum Vergleich: In der Altstadt gibt es Luxuswohnungen in der Hofstatt, die mehr als 13 000 Euro pro Quadratmeter kosten.

          Die Ersten sind meist sogenannte Kreative, Agenturen und Architekten; diesen Pionieren folgen Osteopathen, Geigenbauer, Boutiquen. Sie erobern Stadtgebiete. Und die vom Kinde befreiten wohlhabenden Älteren suchen aus der Region kommend den Weg zurück in die Stadt. Auswärtige nehmen „Opernwohnungen“. Jede fünfte Münchner Wohnung ist Zweitwohnung. Das Rad dreht sich immer weiter. Bereits ein Klassiker ist das Glockenbachviertel, das sich Gleichgeschlechtliche und junge Familien in schöner rosa-liberaler Eintracht teilen. Man bekennt sich hier, auch zu Kinderschuhläden und Naturkost-Nahversorgern. Längst infiziert ist auch das Schlachthofviertel. Wo noch - wie in der Zenettistraße - „Milch“ über der Ladentür steht, weisen die Schaufenster ein „Modemandat“ aus.

          Wanderungen meist nur im eigenen Viertel

          Vom Radar der Projektentwickler ist auch Untergiesing erfasst. Am Hans-Mielich-Platz, der neu gestaltet wird, ist ein Ladenlokal namens „World of Wine“ mit neongrünem „Geöffnet“-Schild der Blickfang, dunkle Fassdeckel verunzieren die Fassade. Gegenüber hat sich ein Townhouse mit verglaster Dachterrasse selbstbewusst ins Ensemble geschoben. Jenseits der Bahntrasse liegt das kleinbürgerliche Idyll der Birkenau, gegen dessen „Bonzen“-Besetzung sich die Anwohner zur Wehr setzen. In der Sommerstraße offeriert ein veganes Lokal japanische Speisen - Hirseschnitzel in Untergiesing, das hätte dem Dienstmann und göttlichen Sendboten Alois Hingerl nicht zugesagt.

          Aber wohin sich wenden? Um die oft beschworene Vertreibung der Eingesessenen scheint es nicht so schlimm zu stehen. Das Planungsreferat hat jedenfalls beobachtet, dass die Wanderungsbewegungen sich meist auf das angestammte Quartier beschränken. Mit dem permanent zunehmenden Autoverkehr und dem Würgegriff der Immobilienpreise muss man sich eben arrangieren - oder wegziehen. Dass in den letzten Jahren Tausende von Wohnungen den Besitzer wechselten und an ausländische Investoren und institutionelle Anleger verkauft wurden, hat die Lage nicht entspannt.

          Wohnungen „für den kleinen Multimillionär“

          Auch rund um Münchens Großmarkthalle tut sich etwas. In der Oberländerstraße sind parterre noch die Bierstüberl offen, in die am frühen Morgen die Arbeiter einfallen, aber vornehmere Häuserpinkel sind zwischen die alten Häuserfronten gezogen. Nägel mit Köpfen hat man indes auf der Theresienhöhe gemacht. Dort wurde gleich ein ganzes Neubauviertel neben das mittlerweile abgeschlossene Sanierungsgebiet Westend gepflanzt - im Rücken der Bavaria. Hinter einem Riegel aus Bürogebäuden der üblichen Sorte steht eine schon Grünspan ansetzende Wohnstadt, die merkwürdig unbelebt wirkt. In der Ganghoferstraße hat Aldi einem Feinkostladen Platz gemacht. Und wo in der Westendstraße ein Import-Export für Autoteile hauste, sitzen nun Architekten und Übersetzer hinter Glasfronten am Computer. Im ausgebauten Dachgeschoss wohnt ein Doktortitel. Nur für die Sanierung der Stadtbibliothek hat das Geld noch nicht gereicht.

          Zur Sache geht es auch im begehrten Gärtnerplatzviertel. Wo früher das Fernheizkraftwerk an der Müllerstraße 7 stand, wächst jetzt mit „The Seven“ ein sechsundfünfzig Meter hoher Wohnturm. Durch ihn geriet der langjährige Oberbürgermeister und frühere Mieteranwalt Christian Ude (SPD) in eine argumentative Zwickmühle. Einerseits stemmt er sich gegen den überhitzten Immobilienmarkt, andererseits kann er im Fall von „The Seven“ nicht verstehen, „wieso der Bevölkerung als Eigentümerin der Stadtwerke zugemutet werden soll, auf zweistellige Millionenbeträge zu verzichten, um beispielsweise die zwanzig Millionen Euro teure Wohnung im Penthouse preisgünstiger zu gestalten, also gewissermaßen für den kleinen Multimillionär erschwinglich zu machen“. Letzterer ist mittlerweile gefunden und hat für das zweigeschossige, siebenhundert Quadratmeter große Penthouse keine zwanzig, aber immerhin mehr als vierzehn Millionen Euro gezahlt. Nach oben ist immer Luft in München.

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Grünen-Chef Robert Habeck

          Kanzlerfrage : Habeck hängt Kramp-Karrenbauer ab

          Der Grünen-Chef würde bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers laut einer Umfrage doppelt so viele Stimmen erhalten wie seine Amtskollegin bei der CDU. Mit Friedrich Merz als Kandidat sähe die Lage anders aus.
          Indiens Regierungschef Narendra Modi und der amerikanische Präsident Donald Trump

          Handelsstreit mit Amerika : Indien erhebt Vergeltungszölle

          In Asien bekommt Donald Trump einen weiteren Gegner im Handelskonflikt. Erst strich der amerikanische Präsident Indien Sondervergünstigungen. Nun wehrt sich die Regierung in Neu Delhi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.