https://www.faz.net/-gqz-817ut

Keimbahn-Experimente : Kommt das bioethische Armageddon?

Die Möglichkeiten der Biomedizin sind immens – aber wo liegen die Grenzen der menschlichen Selbstoptimierung? Bild: Picture-Alliance

Gentechnik, wir müssen reden: Die Biomediziner sind sich selbst nicht mehr geheuer. Nach den ersten Manipulationen an Keimbahn-Zellen steht fest, dass Menschenzüchtung keine Hypothese mehr ist.

          Das, was in der Biomedizin in diesen Tagen geschieht, könnte man kaum treffender beschreiben als Hans Magnus Enzensberger: Er diagnostizierte, allerdings schon vor vierzehn Jahren, eine „manische Phase“ in den Lebenswissenschaften. Die Resultate dieser nicht abreißen wollenden Phase der unerschütterlichen Fortschrittsbesessenheit sind mit den Klonier- und Stammzelldebatten und mit dem Streit um die Embryonenselektion in der Petrischale immer wieder neu zutage gefördert worden. Was nur wenige dabei wirklich kümmerte: Die Auseinandersetzungen wurden am Ende meistens in einem sonderbar abgebrühten psychologischen Setting geführt, in dem die letzte Barriere, die von Jürgen Habermas ins Spiel gebrachte „Gefahr der Menschenzüchtung“, als fernes Szenario, ja als reine Hypothese, behandelt wurde. Fern der Wirklichkeit also. Wir können heute sagen: Diese Phase des Visionierens und apokalyptischen Herumspekulierens ist einer für viele sicher nun beklemmenden Gewissheit gewichen. Denn die Wissenschaft hat inzwischen Fakten geschaffen. Die gentechnische Manipulation der menschlichen Keimbahn ist in einer Weise Wirklichkeit geworden, die nun endgültig auch die hellsichtigsten Geister der vergangenen Debatte überraschen dürfte.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Von einer überrumpelten Gesellschaft mag man erst mal nicht reden. Denn einen großen Plan gab und gibt es nicht. Aber dass sich die Naturwissenschaftler nun selbst angesichts der in den Laboren geschaffenen Fakten offenbar vor sich selbst erschrecken, lässt jetzt sicher neue, böse Ahnungen ins Kraut schießen. Die Gen-Ingenieure bekommen offenkundig selbst Gänsehaut ob ihres Tuns. In einer der wichtigsten Wissenschaftsmagazine der Welt, „Science“, ist an diesem Freitag ein Aufruf mit dem Hinweis „dringender Bedarf für einen Dialog über die Genom-Technik“ erschienen. Verfasst worden ist er von einigen der bekanntesten Leute auf dem Feld der Gentechniken, darunter die mit Nobelpreiswürden ausgestatteten Galionsfiguren Paul Berg und David Baltimore. Er greift eine im Januar im kalifornischen Napa abgehaltene Konferenz auf, in der ganz offensichtlich ein bioethisches Armageddon besprochen worden war. Gentechnisch vorwärts, ja, unbedingt; doch „ehe überhaupt der Versuch gutgeheißen werden könnte, Menschen - wenn überhaupt, dann zu medizinischen Zwecken - zu konstruieren, müsste die Sicherheit und Effizienz der neuen Technologien sorgfältig geprüft und verstanden werden“. Es fällt auf: Anders als vor vierzig Jahren, als Paul Berg und viele andere Pioniere der Molekularbiologie die Sorge um die mögliche Züchtung tödlicher neuere Erreger ins gar nicht so weit südlich gelegene Asilomar führte, meidet man diesmal den Begriff Moratorium.

          Weitere Themen

          Taylor Swift hat ihr Publikum gescannt

          Gesichtserkennung : Taylor Swift hat ihr Publikum gescannt

          Die Popsängerin Taylor Swift hat bei einem Konzert heimlich ihre Zuschauer filmen und die Gesichter mit in einer Datenbank gespeicherten Bildern von Stalkern abgleichen lassen. Das nennt man Rasterfahndung.

          Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman Video-Seite öffnen

          Hape ist zurück : Filmpremiere von autobiografischem Erfolgsroman

          Im Film schlüpft Julius Weckauf in die Rolle des neunjährigen Hape Kerkeling. Der zehn Jahre alte Weckauf bekam die Rolle nachdem er sich laut Pressemitteilung der Produzenten „mit großer Spielfreude und mit seinem komödiantischen Talent“ in einem bundesweit angelegten Casting durchsetzte.

           Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ auf keinen Fall entgehen lassen: Wie Charlie Watson, gespielt von Heilee Steinfeld, zusammen mit dem gelben Metallkäfer die Filmreihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Polizeiskandal in Hessen : Ein Minister in Erklärungsnot

          In der Affäre um ein mutmaßliches rechtsextremes Netzwerk in der Frankfurter Polizei wächst der Druck auf den hessischen Innenminister. Die Opposition wirft Beuth vor, Informationen bewusst vorenthalten zu haben – wegen der Landtagswahl.

          Holprige Fahrt : Elon Musk schaut in die Röhre

          Ein großer Schritt für Elon Musk, ein kleiner Schritt für die Menschheit: Der Tesla-Chef ist seiner Vision, den Verkehr in Großstädten stärker unter die Erde zu verlegen, in Los Angeles ein kleines Stückchen näher gekommen. Ein sehr kleines.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.