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Keimbahn-Experimente : Kommt das bioethische Armageddon?

Eng verstandene Logik des Heilens

Nun darf man sich das Manifest zugunsten einer Experimentierpause von Forschern nicht so vorstellen, also wollten sie damit erreichen, solche Regelungslücken zu füllen, bis es am Ende zum Verbot jeglicher Keimbahn-Manipulation kommt. Fyodor Urnov, ein anderer Pionier der neuen maßgeschneiderten Genomtechniken, hat das in einem anderen Moratoriumsaufruf im wissenschaftlich ebenso hochrangigen „Nature“-Journal vor einigen Tagen schon erkennen lassen. Es geht auch bei den Forschern eine Angst um. Die Angst vor einem radikalen biopolitischen Schnitt. Als Urnov zusammen mit Kollegen im Namen der „Allianz für regenerative Medizin“ von den möglicherweise bahnbrechenden „funktionalen Heilverfahren“ sprach, die nun zur Behandlung von Aids, Krebs oder Erbkrankheiten in Reichweite seien, sprach er für mehr als zweihundert Life-Science-Firmen, Forschungslabore und Patientenorganisationen, die an einer liberalen Haltung der Gesellschaften allergrößtes Interesse haben. „Wir müssen im Dialog überlegen, wie und unter welchen Bedingungen, wenn überhaupt, künftige Forschung an der Keimbahn stattfinden soll.“

Solche Hinweise zeigen: Die technologische Entwicklung folgt einer sehr eng verstandenen Logik des Heilens. Die Gesundheit, längst nicht nur Fetisch in den Genlaboren, ist Motiv und Rechtfertigung in einem. Die Frage nun lautet: Wann untergräbt diese mit einer schier unfassbaren Ungeduld betriebene Logik des Heilens die handelsüblichen Moralvorstellungen? Erleben wir hier, wie Habermas in „Die Zukunft der menschlichen Natur“ schrieb, die „Schrittmacher einer Selbstinstrumentalisierung der Gattung Mensch“ am Werk. Oder ist die genetische Programmierung des Menschen fern jener bioethischen Schattenreiche letztlich doch medizinisch legitimierbar, wie das etwa der hochangesehene George Church von der Harvard-Universität für sich in Anspruch nimmt.

Von einer seiner talentiertesten Bioingenieure, der jungen Chinesin Luhan Yang, sind jedenfalls Experimente publiziert worden, die unbestreitbar die Manipulation der Keimbahn mittels „Crisper“beinhalten. Von einer Klinik in New York hat Luhan Spendereizellen erhalten, von einer Brustkrebspatientin, deren Eierstöcke vorsorglich ebenfalls entfernt wurden. In ihrem Experiment in der Petrischale ging es darum, zu testen, was in Nager- und Affenexperimenten schon gezeigt worden war: In den unreifen Eizellen sollte das tumorauslösende Gen, eines der durch Angelina Jolie berühmt gewordenen BRCA-Gene, durch eine gesunde Genvariante ersetzt werden - der Gendefekt sollte in der Keimzelle buchstäblich gelöscht werden. Und zwar punktgenau. Was dann auch gelang. Seitdem das „MIT Technology Review“ im Harvard-Labor recherchierte, ist die junge Chinesin offenbar nicht mehr zu sprechen. Luhan hat, wie man so erfahren konnte, inzwischen ein Start-up-Unternehmen gegründet, das sich mit den Keimzellen von Schweinen und Rindern vorarbeitet. George Church seinerseits, ihr Mentor und einer der Pioniere der sogenannten „synthetischen Biologie“, der sich außerdem in den Kopf gesetzt hat, mit seinem biotechnischen Arsenal ein Mammut auferstehen zu lassen, verteidigt die Versuche als „lediglich Experimente“.

Durchgesickert ist nun auch, dass chinesische Forscher ihre Keimbahn-Experimente an menschlichen Zellen längst beendet und die Manuskripte ihrer Arbeit zur Begutachtung auf den Schreibtischen anderer Wissenschaftler liegen. China, man ahnt es, gehört zu jenen Ländern, in denen die Gesetze nicht gemacht wurden, um eine gezielte Veränderung des menschlichen Genpools kategorisch auszuschließen. Der feste Optimierungswille der Humaningenieure stellt also das lückenhafte, vage Recht auf ein unmanipuliertes Genom künftiger Generationen Schritt für Schritt in Frage. Ein Moratorium hat da nicht einmal aufschiebende Wirkung.

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