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Keimbahn-Experimente : Kommt das bioethische Armageddon?

Molekulare Werkzeuge der Macht

Allerdings ist die Situation heute auch eine völlig andere: Damals war Gentechnik Manufaktur, die guten unter ihnen hat man fast ehrfürchtig „Genchirurgen“ genannt, und vom Bösen meinte man sich leicht abgrenzen zu können. Aus dem Handwerk ist inzwischen Hightech geworden. Die unscharfe Schere, mit denen der man im Erbgut der Organismen schnippelte, ist gegen hochpräzise Skalpelle ausgetauscht worden. „Crisper“, wissenschaftlich „CRISPR-Cas“, oder „Talen“ und „Zinkfinger“ heißen die neuen, hochautomatisierbaren molekularen Werkzeuge, die in den letzten Jahren mit einem atemberaubenden Tempo zu Universalwerkzeugen der Lebenswissenschaftler geworden sind. Aus Gentechnikern sind Genomdesigner geworden. In der schon in Hunderten Labors verwirklichten Allianz mit Stammzellforschern, die jede beliebige Zelle des Körpers - eben auch die Keimzellen Ei und Spermien - quasi wie ein Computerprogramm reprogrammieren und ineinander verwandeln können, ist aus einer groben Mikrotechnik ein mächtiges Instrument, ein Werkzeug potentiell evolutionärer Macht, geworden.

Das hat selbstverständlich damals, 1975 in Asilomar, keiner so voraussehen können. Damals aber ahnten viele schon, was auf die Gesellschaft da an Veränderungen zurollt. Die frischgebackenen Bioingenieure hatten seinerzeit auf der Konferenz vereinbart, wegen der wissenschaftlichen Unwägbarkeiten bestimmte Experimente vorübergehend auszusetzen. Im Folgejahr war die Experimentierlust schon wieder groß genug und die vermeintliche Sicherheit schon wieder hinreichend groß, so dass man die damals so bezeichnete „rekombinante DNA-Technologie“ wieder vollumfänglich duldete.

Heute, da es um die Eingriffe in die Keimbahn und damit um die genetische Manipulation künftiger Menschen geht, umschiffen die Wissenschaftler in ihren vier Empfehlungen in „Science“ zwar den Begriff Moratorium. Dennoch stellen sie fest: „Solange die sozialen, ethischen und ökologischen Konsequenzen innerhalb der wissenschaftlichen Organisationen und der Regierungen diskutiert werden, sollten Experimente selbst in den Ländern unterbleiben, die für Eingriffe in die Keimbahn des Menschen nur laxe Bestimmungen haben.“ Das sind wenige. Von zweiundzwanzig europäischen Ländern haben fünfzehn zumindest grundsätzliche Regeln, die ein Verbot der Keimbahntherapie beinhalten, einige wie Deutschland stellen sie unter Strafe. Grob kann man sagen: In knapp einem Drittel der Länder, in denen biotechnische Forschung gefördert wird, ist die Keimbahn nicht explizit geschützt.

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