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Genozid-Denkmal in Genf : Lichte Trauer

  • -Aktualisiert am

Das Parlament der Stadt Genf, in der auch die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz beheimatet sind, hat im Jahr 2005 den türkischen Genozid an den Armenieren anerkannt. Jetzt soll ein Denkmal der Anerkennung Ausdruck verleihen. Die Türkei protestiert.

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          Als „Laternen der Erinnerung“ sollen sie in Genf leuchten und die Welt an den Genozid an den Armeniern erinnern. Ende März wurde das Projekt vorgestellt, von Charles Aznavour, dem Sonderbotschafter Armeniens in der Schweiz. Er wohnt in Genf, dem Sitz der Vereinten Nationen, der Ökumene und des Roten Kreuzes.

          In Genf habe erstmals ein Jurist den Begriff Genozid verwendet, liest man in einer Broschüre der Behörden. Das Stadtparlament hat 2005 die Verbrechen der Türken an den Armeniern als Völkermord anerkannt. Seitdem gab es Pläne, des Genozids mit einem ganz besonderen Mahnmal zu gedenken. Die Kunstkommission veranstaltete einen Wettbewerb. Einstimmig kürte die Jury Mélik Ohanian zum Sieger. Neun „Laternen der Erinnerung“ darf er entwerfen. Errichtet werden sie an einem der schönsten und prestigeträchtigsten Plätze: in der Nähe der Reformationsmauer, deren Inschrift „Post Tenebras Lux“ den Sieg des Lichts über die Kräfte der Finsternis verspricht.

          Die Türkei hat umgehend protestiert

          Ohanians Kandelaber sind den New Yorker Straßenlampen vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nachempfunden. Jede wird individuell gestaltet und neun Meter hoch sein. Als Leuchtkörper sieht der Künstler Tränen vor: Die Lampen weinen. Auch Inschriften sollen zur Besinnung mahnen. Das Projekt, an dessen Finanzierung sich die Armenier in der Schweiz und die Republik Armenien beteiligten, ist mehr als ein weiteres Armenier-Denkmal: Es überzeugt in künstlerischer Hinsicht und setzt auch neue Maßstäbe in der Erinnerungskultur.

          Die Türkei hat umgehend in Bern protestiert. Die Außenministerin telefonierte mit der Genfer Bürgermeisterin. Zuständig ist der grüne Kulturminister, zu dessen Abwahl nun mehrere tausend Türken aufgerufen werden – Ausländer dürfen sich im multikulturellen Genf an den Kommunalwahlen beteiligen. Die extreme Rechte schlägt sich ebenfalls auf die türkische Seite. Für die Armenier wiederum ist die heftige Opposition ein Grund, die Zürcher Protokolle in Frage zu stellen: Sie sehen eine Historikerkommission vor, was ja wohl bedeute, dass man über den Genozid unterschiedlicher Meinung sein könne.

          Auf beiden Seiten wird taktiert. „Mit diesem Mahnmal wird kein Land angeklagt“, beschwichtigt Aznavour. Er ist sich der Tragweite bewusst: „Es soll keineswegs nur an unseren Völkermord erinnern, sondern an alle Genozide.“ Noch bleiben zwei Jahre, bis in Genf jeden Abend die Lichter des Erinnerns angehen sollen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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