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Generationsfrage : Ach, Alter!

  • -Aktualisiert am

Im Wiener Theater „Brut“ werden Senioren für Krampfadern und Rollatoren vom jungen Publikum beklatscht. Sie sagen der heranwachsenden Generation gehörig die Meinung - und wollen ihren Lohn.

          2 Min.

          Manchmal machen sich Epochenumbrüche, die längst fällig scheinen, auf die aber keiner so richtig gewartet hat, eher nebenbei bemerkbar. Zum Beispiel auf einer Nebenspielstätte. Im Wiener „Brut“, einem kleinen, etwas schmuddeligen Black-Box-Avantgarde-Betonschuppen, neben dem goldprangenden Musikvereinspalast gelegen. Das „Brut“ ist eigentlich eine Performance-Verladerampe für die dekonstruktivistische Jugend, die das Theorietanzbein im Nirgendwo schwingt. Jetzt aber treten dort angelegentlich der Wiener Festwochen ein paar argentinische Schauspieler auf, unter der Regie der Dramatikerin und Regisseurin Lola Arias (Jahrgang 1976).

          Sie möchten sexy sein

          Das Stück heißt „Melancolía y manifestaciones“ (Melancholie und Protest) und handelt im Wesentlichen von der armen, depressiven Mama von Frau Arias. Hübsche, videogestützte Privatheit. Geht uns nichts an. Aber dann treten vier alte Schauspieler, die bis dahin immer nur die Lamellenwand bedient hatten, auf der die Videos von Lolas Mama zu sehen waren, nach vorne, zeigen ihre krampfadernverzierten Beine, „haben es satt, Statisten zu sein“, und sprechen ganz freundlich in vier Mikrophone eine „manifestación“, einen Protest: gegen den „Pensionistenmord“; gegen das Leben der Jungen, von deren Einkommen sie gerne 85 Prozent überwiesen bekommen möchten und denen sie von den Dächern, auf die sie klettern, „auf den Kopf scheißen“.

          Sie wollen sexy sein und geküsst werden, ihren Brustkrebs, ihre Demenz, ihre dritten Zähne, ihren Gehör- und Sehverlust zu einer „Revolution der Alten“ umfummeln. Und: Sie wollen die Zeit zurück, die ihnen „gestohlen wurde“. Die Revolution der Jungen sei überholt. Es sei die Zeit gekommen der „Alten in Unterhosen“, die es „satthaben, kein Geld zu haben für Kino, Salsakurs und Pferdewetten“, die „stundenlang in der Bank für die Auszahlung unserer Pension sich anstellen“ und auf die „Kinder unserer Kinder aufpassen“ müssen. Und den Jungen zurufen: Auch ihr seid nichts anderes als Alte im Wartestand!

          Und dazu gehen die Alten sich an die Wäsche und busserln sich und machen Zeig-den-Bizeps!-Bewegungen. Lauter ungeheuerliche bis banal-grotesk-schauerliche Binsenunweisheiten. So sterbensflott und lebenslustig im Theater aber bisher nicht gehört, sehr belacht von den Jungen im Parkett. Dabei stehen die Alten als Daseinsmehrheitsmacht zwar noch nicht auf den Dächern. Aber sie liegen auf der Hand. Das Theater gehört bisher den Jungen, die glauben, sie blieben das ewig. Die Alten brausen dem Theater mit ihrem Rollator-Wägelchen (vulgo: Rentner-Porsche) auf und davon. Und es hinkt ihnen hinterher. Es hat für die Alten weder Rollen noch Sprache. Dabei gehört ihnen längst die Zukunft. Nicht nur in Argentinien.

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