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Generationenkonflikt in China : Wir pfeifen auf Konfuzius

  • -Aktualisiert am

Sind junge Leute verpflichtet, ihren Sitzplatz für Alte zu räumen, oder erkauft man sich mit einem Ticket gleichzeitig das Recht, sich hinzusetzen? Bild: AFP

Haben alte Leute Anspruch auf einen Sitzplatz? Immer mehr junge Chinesen finden die traditionelle konfuzianische Pietätspflicht unzeitgemäß. Das führt sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen.

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          Der Vorfall gab der Debatte im chinesischen Internet die entscheidende Zuspitzung. In einem Bus der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou hatte ein alter Mann einen jungen aufgefordert, ihm seinen Sitzplatz zu überlassen. Als der junge Mann nicht reagierte, schlug der alte ihm viermal ins Gesicht, und nachdem der junge, ohne sich gewehrt zu haben, den Bus verließ, erlitt der alte einen Herzinfarkt und verstarb.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Im traditionellen China wäre das Urteil über diese Episode wohl eindeutig ausgefallen, und auch jetzt fehlte es nicht an Kommentaren, die dem jungen Mann Mangel an Respekt vorwarfen und sich generell über die „selbstsüchtige“ Jugend aufregten. „Ich protestiere gegen den moralischen Erdrutsch in dieser das Geld anbetenden Gesellschaft“, schrieb einer.

          Tradition verpflichtet?

          Doch ein großer Teil der Stellungnahmen jüngerer Leute zog aus der Geschichte einen anderen Schluss. Sie entrüsteten sich über die Selbstverständlichkeit, mit der der alte Mann für sich in Anspruch nahm, dass ihm Platz gemacht werde. „Wenn ich meinen Sitz räume, dann deswegen, weil ich einen guten Charakter habe“, bloggte einer auf QQ: „Wenn nicht, dann ist das genauso gut mein Recht, und wenn ihr Druck ausübt, damit ich den Sitz frei mache, dann tut es mir leid, ihr seid nicht meine Eltern, ihr könnt mich nicht kontrollieren, und ich werde euch nicht gehorchen!“

          Auch der Kommentar in einer Tageszeitung unterschied zwischen persönlicher Moralität und rechtlicher Verpflichtung, die er aus den durch den Markt geschaffenen Beziehungen herleitete: „Jeder hat eine Fahrkarte gekauft, deshalb hat jeder Fahrgast das gleiche Recht auf einen Sitzplatz.“ Das mündete auf sohu.com in den zornigen Ausruf: „Ich hasse diese alten Leute, die sich mit ihrem Alter Vorteile zu verschaffen versuchen.“

          Kung-Fu gegen den Konfuzianismus

          Die Wut dieser Äußerungen wendet sich gegen einen jahrtausendealten Anspruch, der von der Ehrerbietung der Jungen gegenüber den Alten die Moralität und das Funktionieren der gesamten Gesellschaft abhängig macht. Eine berühmte Stelle bei Konfuzius (Gespräche 1,2) bezeichnet die Pietät gegenüber Eltern und Senioren als „Wurzel der Menschlichkeit“ und zugleich als Garantie für politische Stabilität: „Unter denen, die die Alten achten, gibt es selten Menschen, die gegen die Obrigkeit rebellieren.“

          Als Schrumpfform dieses ethischen Systems fordern noch heute viele Eltern ihren Kindern lebenslange Dankbarkeit und Kritiklosigkeit unabhängig von ihrem eigenen Verhalten ab. In der Etikette von Betriebs-Banketten wird immer noch streng auf Anciennität geachtet, und in den Bussen weist die Schaffnerin die Fahrgäste an, für eintretende Senioren aufzustehen.

          Konfuzius sagt: „Unter denen, die die Alten achten, gibt es selten Menschen, die gegen die Obrigkeit rebellieren.“

          Gegen diese konfuzianischen Restbestände begehrt die junge chinesische Mittelstandsgesellschaft nun zunehmend auf. Nicht nur, dass es im Bus jetzt öfter vorkommt, dass jüngere Leute sitzen bleiben; berühmt wurde im Netz kürzlich auch das Video einer jungen Frau, die mit einer akrobatischen Kung-Fu-Einlage dem alten Mann, dem sie ihren Platz überlassen musste, ins Gesicht trat.

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