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Generation Nesthocker : Mütterlein, nur bei dir daheim!

Zu Hause ist es eben doch am allerschönsten. Tatsächlich? Bild: Matthias Lüdecke

Kinder ziehen immer später von zu Hause aus. Finanzielle Gründe spielen eine Rolle, aber oft geht es schlicht um Bequemlichkeit. Die große Frage: Wie wird man die Nesthocker endlich los?

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          Der größte Fehler, den die Britin Siam Goorwich je begangen hat, bestand darin, mit Mitte zwanzig von zu Hause auszuziehen. Heute verbucht sie diesen Schritt unter der Kategorie jugendlicher Leichtsinn. Es sei eine dumme Idee von Unabhängigkeit gewesen. Sie lebte damals in einer Wohngemeinschaft in London, und wie es bei Wohngemeinschaften nicht selten der Fall ist, war das Küchenspülbecken meistens verstopft.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Da es sich die sechs jungen Leute nicht leisten konnten, das Haus zu heizen, froren sie permanent, bei einem Mietpreis von sechshundert Pfund pro Person und Monat. Nach einem Jahr zog Siam Goorwich, die inzwischen dreißig Jahre alt ist, zurück zu ihren Eltern. Dort sei es immer warm, sagt sie, stets sei Toilettenpapier vorhanden, der Kühlschrank sei gefüllt, und ihre Wäsche werde gewaschen. Siam Goorwich, die in der „Daily Mail“ eine Ode an ihr Elternhaus verfasst hat, wäre verrückt, würde sie ausziehen.

          Gemütliche Nestwärme

          In Deutschland leben etwa dreißig Prozent der 25- bis 34-Jährigen nach wie vor bei ihren Eltern. In zwei Dritteln dieser Fälle handelt es sich um Söhne. Das Phänomen, dass Kinder immer länger bei ihren Eltern wohnen oder wieder zu ihnen zurückkehren, weshalb man sie auch „Bumerang-Kinder“ nennt, ist nicht neu: Neu ist, dass sich zwischen vielen Kindern und ihren Eltern etwas Grundlegendes verändert hat, wofür dieses All-inclusive-Dauerleben ein entscheidendes Indiz ist. Das gegenseitige Klammern ist offenbar zur neuen Norm geworden.

          Eltern begleiten ihre Kinder drohnenhaft zum Einschreiben an die Universität. Kinder sind mit ihren Eltern bei Facebook befreundet. Man feiert gemeinsam Geburtstag, gewährt sich gegenseitig Zugang zum Kleiderschrank und hat keine Geheimnisse voreinander. Sicherlich spielt nach wie vor der wirtschaftliche Druck eine wichtige Rolle, die ökonomische Ungewissheit, der viele junge Menschen ausgesetzt sind, die von einem Job zum nächsten wechseln oder nach Abschluss ihres Studiums erst gar keinen finden.

          Das ist die eine Seite. Der Bequemlichkeitsaspekt ist die andere. Je mehr man sich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt hat, desto schwerer fällt es, sich von ihm zu verabschieden - zumal aus freien Stücken. „Die Wahrheit ist“, schreibt Siam Goorwich, „nichts wird jemals so wohlig sein wie ein zu Hause zubereitetes Essen, gefolgt von einem Fernseh-Marathon auf dem Sofa der Eltern, ganz egal, wie alt man ist.“

          Mehr Geld zum Konsumieren

          Der Begriff der Helikopter-Eltern hat sich nicht zufällig durchgesetzt. Es geht bisweilen so weit, dass Eltern ihre Kinder später einschulen, damit man zu Hause länger gemeinsam im Kuschelmodus verharren kann. Das Ergebnis dieser Mischung aus Verzärtelung und 24-Stunden-Besorgnis ist offensichtlich ein gewisser Unwille, auf eigenen Füßen zu stehen. Dazu kommen die Härten des Verzichts. Wenn die Eltern gleichzeitig sehr gute Freunde sind, spricht erst einmal wenig dafür, seine Reise-, Party- und Shoppingbedürfnisse einzuschränken, nur, um in einer winzigen Wohnung oder ungemütlichen Wohngemeinschaft zu leben.

          Das Geld, das man für die Miete ausgeben müsste, ist besser in außergewöhnlichen Freizeiterlebnissen investiert, die nicht zuletzt wichtige Bausteine der Ich-Vermarktung in sozialen Netzwerken darstellen, wo ein Überbietungswettbewerb tobt. Und die funktioniert umso besser, je aufregender die Postings sind. Die Konsequenz aus der „deins ist meins“-Haltung bedeutet ja schlicht, dass sich der Konsumspielraum erweitert, wodurch bei geschickter Inszenierung wiederum der eigenen Marktwert steigt.

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