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Neue Generali-App : Die Veröffentlichung unserer Körper

Ist es sinnvoll, den Versicherungsbeitrag mittels App-Kontrolle zu drücken? Bild: F.A.Z.

Als erster europäischer Versicherer bietet Generali Preisnachlässe an, wenn seine Kunden ihm ihre Körperdaten per App zusenden und so beweisen, dass sie gesund leben. Aber wer sagt, was „gesund“ ist?

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          Mit Big Data ist es so wie mit dem Klimawandel: Man weiß, dass eine Entwicklung im Gange ist, die Probleme mit sich bringen wird, glaubt aber, dass die Konsequenzen einen allenfalls mittelbar treffen werden – und plötzlich steht die Sturmflut mitten im Wohnzimmer. So erging es vielen New Yorkern, die den Anstieg des Meeresspiegels lange für ein Problem hielten, das sich vor allem auf Bangladesch ungünstig auswirken würde, bis Hurrikan „Sandy“ vor zwei Jahren auch New York unter Wasser setzte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was in diesen Tagen aus dem Versicherungswesen gemeldet wird, entspricht mindestens einer Sturmflut: Als erster großer Konzern in Europa bietet die Versicherungsgruppe Generali ihren Kunden Gutscheine und Rabatte an, wenn sie ein „gesundes Leben“ führen – und Fitness, Ernährung und Lebensstil elektronisch kontrollieren lassen: Wer den günstigen Tarif bekommen möchte, muss dem Versicherer über eine App regelmäßig Daten zu seinem Lebensstil und zum Zustand seines Körpers übermitteln.

          Eine Bindung, die unter die Haut geht

          Generali greift für dieses Telemonitoring auf ein Programm zurück, das der südafrikanische Versicherer Discovery entwickelt hat. Es heißt „Vitality“ und dokumentiert nicht nur die Einhaltung von Vorsorgeterminen, sondern auch, wie viele Schritte jemand geht, wie oft er Sport macht und wie viele Kalorien er zu sich nimmt. In den Vereinigten Staaten bietet United Healthcare seit drei Jahren etwas Vergleichbares an.

          Schnell noch eine Runde joggen gehen bevor es zum Meeting geht: Ist das gesund?
          Schnell noch eine Runde joggen gehen bevor es zum Meeting geht: Ist das gesund? : Bild: dpa

          Mit dem neuen Programm, so lässt sich Generali-Konzernchef Mario Greco verschiedentlich zitieren, „stärken wir die Bindung zu unseren Kunden“. Er könnte auch sagen: Wir gehen unseren Kunden unter die Haut, und zwar ganz unmetaphorisch. Wer „ungesünder“ lebt, zahlt mehr und wird in Extremfällen nicht oder nur zu sehr hohen Tarifen versichert. Aber was ist ungesund?

          Algorithmen bestimmen die Norm

          Was „gesund“ ist, wird nicht mehr in einem öffentlichen Willensbildungsprozess zwischen Politik und Wählern, Experten und Medien verhandelt, sondern von Privatkonzernen diktiert – und das auf normativ sehr wackeligen Beinen. Natürlich kann man messen, wie viel sich jemand bewegt, wie viele Kalorien er zu sich nimmt, was er wiegt. Doch das sind quantitative Daten, die nur grobe Schlüsse zulassen. Unter Umständen lebt derjenige gesünder, der mal einen Cheeseburger isst, aber sich dafür weniger Stress im Büro macht und entspannt mit seinen Kindern auf dem Teppich spielt, statt mit dem Blutdruck eines Bomberpiloten durch den Feierabendverkehr zum Work-out zu rasen. Wie soll man das Gesunde an einem derart entspannten, obwohl vielleicht etwas kalorienreicheren Leben messen? Einer entspannten Angemessenheit steht hier das Ideal des Leistungssports, einer bloß formalen, biologisch messbaren Selbstoptimierung entgegen, die ihrerseits Stress verursachen kann.

          Eine breite, auch normativ folgenreiche gesellschaftliche Diskussion, welche Formen von Wachstum und welche Art der Lebensführung „gesund“ wären, gibt es aber nicht – was gesund ist und wie wir leben sollen, definieren zurzeit vor allem private Konzerne wie Generali, Allianz oder Axa und deren Algorithmen.

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